Il Giasone

Diven-Krieg

Kristina Mkhitaryan Foto: GTG / Magali Dougados

In Genf wird aus Cavallis „Il Giasone“ ein großer Theater-Spaß auf musikalisch exzellentem Niveau
Von Klaus Kalchschmid
(Genf, 28. Januar 2017) Irgendwann musste es passieren, und in der vierten Szene des 3. Akts ist das Stück schon weit fortgeschritten: Jasons heimliche Geliebte, von der er im Zelt nie das Gesicht zu sehen bekam und die sich nun als Medea entpuppt, trifft auf Hypsipyle, seine Verflossene. Beide (!) haben ihm Zwillinge geboren. Zurecht macht Regisseurin Serena Sinigaglia in ihrer Inszenierung von Francesco Cavallis Oper „Il Giasone“, die den Medea-Mythos frech neu erzählt, daraus eine Slapstick-Szene wie in einer Soap-Opera von heute. Auf der einen Seite steht das Jüngelchen Jason mit einer Schar schräger, abgerissener, etwas dümmlich selbstverliebter Soldaten jeglichen Alters und Aussehens, auf der anderen die schöne Hypsipyle mit ihren schicken, aufgekratzten Begleiterinnen im modisch-eleganten Outfit britischer Reisender der 1920er Jahre (darunter Mariana Florès als schnippische Alinda) – und dazwischen die stolze Medea, nun ebenfalls nicht mehr in der schwarzen Gewandung einer Zauberin – oder Zigeunerin -, sondern im eleganten hellen Kostüm. Irgendwann gehen die beiden Damen aufeinander los und nur mit Mühe lassen sich die Streithennen auseinander bringen, auf dass die Druckmittel beider Seiten – die jeweiligen – Zwillings-Kinderwagen, wieder rechts und links von der Bühne geschoben werden. Fehlt nur noch, dass das Baby-Quartett ebenfalls zu schreien begonnen hätte!
Doch das vierstündige – in Genf um eine knappe Stunde geraffte – Drama nimmt da erst seinen Lauf und nach missverständlichen Mordversuchen, Verzeihung hier, Dankbarkeit für die Lebensrettung dort, gibt sich Medea wieder ihrem Ex Egeus hin und Jason begnügt sich mit Hypsipyle, die ihm aus unerklärlich tiefer Liebe in einer bewegenden Szene den versuchten Mord verzeiht. Am Ende sind alle – wie am Ende von Shakespeares Komödien – mehr oder minder mit dem Falsch-Richtigen befriedet, aber keineswegs glücklich. Doch die venezianische Oper der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts erforderte ein Happy End, also durfte auch eine Medea-Oper nicht mit dem Mord an den Kindern und ihrer Verbannung bzw. ihrem Tod enden, sondern eben mit einer Doppelhochzeit und von einem dank Ganzkörper-Gummianzug schrecklich pummeligen nackten Amor (ein feiner Sopran: Mary Feminear) gesegnet.
Man mag es kaum glauben, aber nicht Cavallis „La Calisto“, heute das meistgespielte seiner 30 Werke für das Musiktheater, sondern „Il Giasone“, uraufgeführt im Karneval 1649, war die wohl erfolgreichste Oper des 17. Jahrhunderts. Bei aller musikalischen Qualität der ausdrucksvollen Rezitative, Ariosi und auch schon Arien und Duette lässt sich das nur verstehen aus der perfekten Kombination emotionsgesättiger ernster mit drastisch burlesken, derben Szenen, wie sie auch das Spätwerk Monteverdis prägt, der Lehrer von Cavalli war.
Regisseurin Serena Sinigaglia ist sich in der variablen Felslandschaft inmitten eines riesigen gemalten Wolkenhimmels (Ausstattung: Ezio Toffolutti) für keinen Effekt zu schade, egal ob der in solchen Rollen immer wieder großartige Countertenor Dominique Visse als watschelnde, notgeile Amme Delfa einen schmucken, halbnackten Soldaten besteigt, Herkules mit ausgestopftem, gewaltigem Oberkörper den feisten Macho gibt, Jupiter und Eolus in Prachtrüstungen wie aus dem 17. Jahrhundert prangen und sich zum Narren machen – oder ein Seesturm auf der Bühne nachgestellt wird mit lebensgroßem, windgeschütteltem Segel und einem kleinen, hin und her geworfenen Schiffsmodell zugleich sowie sichtbaren Regen-, Blitz- und Donnermaschinen.  
In Genf sind die beiden Protagonistinnen mit charismatischen, eminent stilsicheren Sängerinnen exzellent besetzt: Hier die Russin Kristina Mkhitaryan als Hypsipyle mit gehaltvollem, herrlich voll tönendem Sopran. Sie verströmt in den zahlreichen, betörend schönen Lamenti wunderbar ausdrucksvollen Tiefenglanz; dort ihre Namensvetterin, die Schwedin Kristina Hammarström als Medea, mit wunderbar rundem, manchmal durchaus dramatisch loderndem Mezzo, der den von Cavalli höchst charakterisch auskomponierten Beschwörungsszenen scharfes Profil gibt. Wann immer sie sich im Liebesduett mit dem Jasons Valer Sabadus‘ vereint, klingt das balsamisch verführend. Wann immer der zarte, auch optisch immer noch jünglingshafte Altus mit mehr Attacke und Volumen singen muss, wird es für den Münchner doch – zumindest in der zweiten Aufführung – nicht ganz unproblematisch. Dann verliert die kostbare Stimme an feinem Silberglanz und beginnt allzu sehr zu vibrieren. Leider ist Raúl Giménez als bedenklich gealterter Egeus eine Fehlbesetzung, denn er müht sich mit nicht mehr taufrischem und wenig beweglichem Tenor in Cavallis konziser Linienführung doch sehr. Dafür können tiefe Stimmen in ebenfalls kleineren Partien um so mehr punkten: Bassbariton Günes Gürle als Besso, Kapitän der Garde Jasons, Bariton Willard White als Jupiter und Orest, Diener Hypsipyles, der junge Bassist Alexander Milev als Herkules sowie der ebenfalls junge Tenor Migran Agadzhanyan als virtuos stotternder, aber auch prägnant singender Diener Demos (und Volanus).
Was wäre dieser Abend freilich ohne die großartige 23-köpfige Cappella Mediterranea unter Leonardo García Alarcón. Wann immer „nur“ das Continuo begleitet, klingt der harmonische Reichtum Cavallis so herrlich warm und dunkel von Violone, Erzlaute, Gamben und Theorbe samt Harfe und Cembali, dass man nichts vermisst; kommen dann in den Ritornellen und Arien noch hohe Streicher, Blockflöten und Zinken hinzu, ist das Glück vollkommen. Denn ins höchst charmante hölzerne Provisorium mit exzellenter Akustik, in die das Grand Théatre Genéve für die Dauer einer Generalsanierung ausweichen muss, passt eine Barockoper, komponiert für ein kleines venezianisches Theater, perfekt.   

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