Iiro Rantala spielt Mozart und anderes in Köln

Klatschmarsch und Versenkung

Der Jazz-Pianist Iiro Rantala begeistert mit Mozart, Gershwin und eigenen Kompositionen zusammen mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter Pekka Kuusisto in der Kölner Philharmonie

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 1. Januar 2019) Natürlich war es schade, daß Pekka Kuusisto aufgrund einer Armverletzung nicht zusammen mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen die Humoresken von Jean Sibelius spielen konnte, aber durch das Klavierkonzert C-Dur KV 467 von Wolfgang Amadeus Mozart wurde man wahrlich mehr als entschädigt. Kuusisto wirkte jetzt also nur als Dirigent, eine Funktion, die er neben seiner erfolgreichen Karriere als Geiger ohnehin verstärkt wahrnimmt und auch am Kölner Neujahrsabend planmäßig ausübte. Klaviersolist war sein finnischer Landsmann Iiro Rantala, welcher primär als führender Jazzpianist gilt.

Rantala ist freilich gleichermaßen im klassischen Repertoire zu Hause, so wie Pekka Kuusisto seinerseits gerne mit dem Jazz liebäugelt. Ähnlich wie beim Klassik-Kollegen András Schiff vergehe für Iiro Rantala kein Tag, an dem er sich nicht mit Werken Johann Sebastian Bachs beschäftigt. Das Mozart-Konzert haben er und Kuusisto überdies schon mehrfach aufgeführt und auch auf CD eingespielt. Ein sicheres Einspringer-Stück also.

Rantalas Spiel klassischer Musik gönnt sich keine Verfremdungen, was Anschlag und stimmigen Ausdruck betrifft. Das himmlische Andante erhielt durch seine Widergabe sogar eine nachgerade romantische Kontur. Die Töne wirkten wie Perlmutttupfer, zärtlich, versonnen. Das war bewegend. Die Versenkung in Mozarts Musik stand dem Interpreten ja auch deutlich ins Gesicht geschrieben. Fast hatte man das Gefühl, der Pianist fühle sich bei seinem Spiel alleine auf dieser Welt.

Die Kadenzen reicherte Rantala allerdings mit einem leicht jazzigen Parfum an. Seine improvisatorischen Zutaten gewannen in jener des Finalsatzes sogar eine
kesse Dominanz, ohne dem Mozart-Stil zuwiderzulaufen. Die fast schon fetzig zu nennende Virtuosität bei diesem ausgedehnten Solo riß die Zuhörer in der Kölner Philharmonie zu spontanem Zwischenapplaus hin. Wo hat man das anderswo schon erlebt? Einen ähnlich frappierenden Eindruck bot im September in Köln ein Konzert des Mahler Chamber Orchestra unter Gustavo Dudamel. Am Ende von Gustav Mahlers vierter Sinfonie war das Publikum derart ergriffen, daß es erst nach einer gefühlten halben Minute totaler Stille in Jubel ausbrach.

Zu der geglückten Aufführung von Mozarts Konzert trugen jetzt freilich auch das wunderbare Bremer Orchester unter dem enorm beflügelnden Pekka Kuusisto bei, dessen weit ausgreifende, akzentfördernde Dirigiergestik durch die Armverletzung offenkundig nicht beeinträchtigt war. Kuusisto agierte zupackend und sorgte für einen festlichen, mitunter fast schon pompösen Klang, dem es aber nie an Schlankheit und Durchsichtigkeit fehlte. Die Musik des Andante wirkte wiederum wie ein farbschimmerndes Pastellgemälde.

All diese Qualitäten kamen auch Joseph Haydns Sinfonie Hob. I:101 „Die Uhr“ zugute. Die buffonesken Elemente im Tick-Tack-Andante unterstrich Kuusisto lustvoll. Bei den kammermusikalischen Passagen von Violine, Flöte, Oboe und Fagott trat er neben das Podium und überließ das Spiel alleine seinen Solisten. Das Menuett nahm Kuusisto ungemein forsch, gab auch dem finalen Vivace eine überaus stürmische Vitalität mit.

Der zweite Teil des Konzertabends geriet, wie hätte es anders sein können, jazznah. Den Stücken aus der Feder von Iiro Rantala gingen, bis auf „Hard Score“, aggressive Klangballungen freilich ab. Man könnte die Musik fast sogar als klassisch inspiriert bezeichnen, was die verschiedenen Bearbeitungen kaum beeinflußt worden sein dürfte. Man muß sich schon ein wenig auf Youtube umsehen, um den „anderen“ Rantala ausfindig zu machen. Dort gibt es übrigens diverse Aufzeichnungen von „Tears for Esbjörn“, ein auch in Köln zu hörendes Lamento auf den Tod seines Fachkollegen Esbjörn Svensson. Dieses schmerzliche Ereignis ließ Rantala eine „ganz neue Ebene der Melancholie“ entdecken. Speziell diese Komposition beeindruckte ungemein, zumal in der gehörten authentischen Widergabe. Antti Tikkanen, Konzertmeister der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, begeisterte mit zwei ausgedehnten solistischen Einsprengseln.

Bei George Gershwins Rhapsodie in Blue in der Fassung von Ferde Grofé ging dann aber die Post ab, wobei das zu Beginn glorios bewältigte Aufwärts-Glissando des Klarinettisten Matthew Hunt ein Markenzeichen für die brilliante Qualität des gesamten Orchesters war.

Die letzte Zugabe galt Jacques Offenbach, dem Jubilar des gerade angelaufenen Jahres 2019. Der Cancan aus „Orpheus in der Unterwelt“ führte sofort zu Klatschmarsch-Reaktionen des enthusiasmierten Publikums.

Werbung

 

 

 

 


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.