Igor Levit

Konzertkritik: Igor Levit

Beethoven-Mirakel

Igor Levit Foto: Felix Broede

Igor Levit im Münchner Prinzregententheater
Von Klaus Kalchschmid
(München, 16. November 2014) Wenn Igor Levit ein Recital spielt, ist klar, dass gottlob alles Gefällige, alles rein Virtuose außen vor bleiben muss; so auch bei seiner Bach/Busoni/Beethoven-Matinée im Münchner Prinzregententheater: Schon das „Tempo d’un Menuetto“ zu Beginn von Ludwig van Beethovens nur zweisätziger Klaviersonate op. 54 fing zwar galant verspielt an, doch als „forte e staccato“ ein Oktaven-Gewitter einsetzte, da donnerte und blitzte es bei Levit gewaltig aus heiterem Himmel und als ob ihm gerade eine Bass-Saite gerissen wäre! Das wiederholte sich nicht nur einmal und wir verstanden: Da foppt ein Komponist den Hörer ganz gewaltig. Auch dem „Allegretto“ war nicht mit seinen plötzlichen Dynamikwechseln zwischen piano und fortissimo zu trauen. Und Levit reizt solche komponierten Kontraste lustvoll aus.
Folgerichtig beendete der 27-Jährige seine in jeder Hinsicht gewichtige Matinée mit Beethovens letzter, ebenfalls zweisätziger Sonate op. 111. Und wieder verstörte das Unvereinbare des musikalischen Materials im „Maestoso“ überschriebenen, zerklüfteten Kopfsatz, irritierte das Untröstlich-Tröstliche der Melodie der „Arietta“ und tönte endlich der im Unhörbaren zerstäubende gebrochene C-Dur-Akkord wie das Symbol eines allerletzten Abschieds im Tod.
Diesem Mirakel ging Feruccio Busonis große „Fantasia nach Johann Sebastian Bach KiV 253“ voraus. Oft kaum mehr Transkription Bachscher Choralmelodien, sondern eine zutiefst verhangene, fast ins Atonale hinausweisende Trauermusik auf den Tod des Vaters, die mehrfach hätte enden können, ist diese Komposition Busonis aus dem Jahr 1909. Nur konsequent, dass Op. 111 attacca folgte und nun wirklich ein Trost, dass Igor Levit als Zugabe Busonis berühmte Choralfantasie „Nun komm der Heiden Heiland“ spielte als sei es originärer Bach.
Auch vor der Pause konfrontierte Levit Bach und Beethoven, hier beide Male die Originale: auf Bachs Partita Nr. 2 c-moll BWV 826 folgte Beethovens op. 110. Und wie schon in seinen Einspielungen dieser Werke (auf Beethovens letzte fünf Sonaten folgten dieses Jahr Bachs Partiten) überzeugte die stupende Klarheit, mit der Levit Bach durchleuchtete, die große emotionale Gefassheit in den langsamen Sätzen und das lebendig Überschäumende des finalen Capriccios. Wunderbar „singend“ gelang der Kopfsatz der As-Dur-Sonate, hoch explosiv und aggressiv das Scherzo. Dennoch war der ungeheuer intensive Bogen, den Levit im abschließenden Adagio mit seiner großen Fuge wölbte, ohne dass auch nur in einem Akkord, in einem einigen Ton die Spannung nachließ, der Garant für den einsamen Höhepunkt der ganzen, großartigen Matinée.   

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