Igor Levit Köln

Alles oder nichts

Igor Levit Foto: Felix Broede

Igor Levit glänzt mit Beethoven in Köln
Von Christoph Zimmermann
(Köln,  14. November 2016) Bei den Programmen eines großen Konzerthauses wie der Kölner Philharmonie bilden sich automatisch Schwerpunkte heraus. Mitunter wird, etwa mit der Reihe „Piano“, gezielt auf solche hingearbeitet, entweder als Abo-Lockmittel oder zur Betonung eines besonderen künstlerischen Rahmens. Oft jedoch ergibt sich bei der Fülle des saisonalen Angebots ein eher zufälliges Nebeneinander, welches dann freilich u.U. eine reizvolle Gelegenheit zu interpretatorischen Vergleichen ermöglicht. Was Pianist(inne)n betrifft, so stehen/standen beispielsweise Begegnungen mit Miriam Batsashvili, Hélène Grimaud, Khatia Buniatishvili oder auch Anna Vinnitskaya (sämtliche Bartók-Konzerte mit dem WDR Sinfonieorchester an drei Abenden) an, bei den Herren u.a. Maurizio Pollini, David Fray, Rudolf Buchbinder, András Schiff oder Grigory Sokolov. Die Auftritte von Daniil Triifonov (mal Solo, mal mit Orchester) wurden zu einer Porträt-Trias gebündelt.
Dass es jetzt auch ein Recital des vier Jahre jüngeren Igor Levit (*1987) gab, ist sicher teilweise als Würfelspiel der Programmplanung zu werten, aber wohl auch als bewusster Akt von regelmäßiger Präsentation wichtiger Künstler zu werten. Nicht umsonst wird in allen Biografien der Kölner Programmhefte das Jahr des letzten Auftretens akribisch aufgeführt.
Die Termine von Levit und Triifonov sind nicht unbedingt in einem besonderen Kontext zu sehen. Aber vor einem Jahr reizte es eine große Tageszeitung, auf die beiden russischen, sogar aus derselben Stadt Nowgorod stammenden Pianisten einen  vergleichenden Blick zu werfen. Anlass hierfür war die Tatsache, dass beide Künstler zu diesem Zeitpunkt neue CD-Einspielungen vorgelegt hatten, welche sich beide mit Variationswerken beschäftigten. Triifonovs überhaupt erstes Studioalbum widmete sich exklusiv Sergei Rachmaninow, Levit (der diesen Komponisten kaum spielt – Chopin sogar überhaupt nicht) machte sich an Bachs „Goldberg-Variationen“, Beethovens „Diabelli-Variationen“ und Frederic Rzewskis „The People United will never be defeated“.
Obwohl Levit die „Diabelli-Variationen“mittlerweile an die fünfzig Mal aufgeführt hat, ist er ihm, bei aller Neugierde auf neues Repertoire, in besonderer Weise verbunden, möglicherweise sogar verfallen. Ob ihn das zur Abänderung seines Kölner Programms bewog, bleibe einmal dahin gestellt. Geplant waren ursprünglich Schuberts Sonate D 915 sowie „Dreams II“ des von ihm besonders geschätzten Frederic Rzewski. Übrig blieb jetzt Schuberts kurzes Allegretto D 915, welches sich mit seinen klanglichen Traumeswirren aber auch als Verbindungsglied zwischen den Beethoven-Sonaten Nr. 1 (opus 2,1) und Nr. 22 (opus 54) gut machte.
32 Klaviersonaten hat Beethoven insgesamt geschrieben, die ersten als Mittzwanziger. Als solcher demonstrierte er sogleich, dass er bei diesem Werktypus persönliche Veränderungen in Form und Ausdruck vorzunehmen gewillt war. Alleine die äußere Gestalt: vier Sätze (statt der traditionellen drei) bei Opus 2,1., lediglich zwei bei Opus 54. Schon deswegen wirkt diese Sonate zwischen „Waldstein“, „Eroica“ und „Appassionata“ etwas verloren. Ihr Sturm-und-Drang-Gestus ist nicht ganz so überbordend wie im frühen Schwesternwerk, aber noch deutlich präsent und führt immer wieder zu teils heftigen agogischen und dynamischen Kontrasten.
Diese akribisch auszuleuchten, gehört zu den interpretatorischen Stärken Igor Levits, die er im Laufe der Zeit fraglos vervollkommnet hat. Freilich wurde ihm bereits vor sechs Jahren von einer kennerischen Kritik eine „fast gespenstische Perfektion“ attestiert. Diese beruht sicher nicht zuletzt auf der außerordentlichen Konzentration des Pianisten. Immer wieder lockerndes Fingerspiel in der Luft, geringfügige Korrektur der Sitzhaltung; sogar das Minenspiel war Anzeichen für den Willen zum Alles oder Nichts.
Während Levit in Bachs „Goldberg-Variationen“ mehr eine Ansammlung heterogener Einzelstücke sieht, betrachtet er Beethoven/Diabelli als ein in sich geschlossenes „Kompendium menschlichen Humors“. Bereits dem leicht biederen Originalwalzer Diabellis lässt er tastentupfend einen lachmuskelkitzenden Charme zukommen, was sich in der Variationen mit Mozarts „Don Giovanni“ („Notte e giorno faticar“) in gesteigerter Weise wiederholte. Jagdatmosphäre, Reitergalopp, Lamento-Düsternis – all diese und noch weitere Stimmungen gerieten unter Levits nachgerade magisch operierenden Händen zu bildstarken Genreszenen. Zwischen Eruptionen gab es immer wieder herzerweichendes Pianospiel, welches sich mitunter in fast unhörbaren Tönen verlor. Nach nahezu einer Stunde dieses faszinierenden Beethoven-Spiels war erst einmal tiefes Durchatmen angesagt, dann folgte freilich frenetischer Beifall.
Man hätte sich leicht ohne weitere Musik in den Restabend verabschieden können. Aber es folgte doch noch eine Zugabe, ein Satz aus den „Puppentänzen“ von Dmitri Schostakowitsch, in seiner Simplizität von Beethovens Monumentalwerk erleichternd auf irdische Bahnen zurückführend.



Münchner Philharmoniker


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