Idomeneo an der Oper Zürich

Mozarts Idomeneo als Seelenschau

Regisseurin Jetske Mijnssen konzentriert sich in Mozarts „Schwellenoper“ mit mäßigem Erfolg ganz auf das von Schmerz und Trauer erfüllte Innere der Protagonisten. Das Orchestra La Scintilla unter Giovanni Antonini setzt hingegen die Messlatte hoch.

Von Oliver Schneider

(Zürich, 7. Februar 2018) Mit dem für den Münchner Fasching 1781 komponierten „Idomeneo“ überschritt Wolfgang Amadeus Mozart in mehrfacher Hinsicht eine Schwelle. Er verwob Elemente der französischen Tragédie lyrique mit der italienischen Opera seria und legte so den Grundstein für seine späteren großen Opern. Mit dem Münchner Auftrag verbunden war aber auch die Loslösung von Salzburg und der gefühlten Enge am fürsterzbischöflichen Hof und gleichzeitig vom übermächtigen Vater.

Die zuletzt in Graz für ihre Neuproduktion von Tschaikowskys „Eugen Onegin“ gefeierte Jetske Mijnssen lässt die fünf Protagonisten die Reisen in ihre Seelen in einem grau-blauen, geschlossenen Einheitsraum in modernen mausgrauen Anzügen und anderer Alltagskleidung spielen (Bühne: Gideon Davey, Kostüme: Dieuweke van Reij). Nur zweimal öffnet sich der Raum. Und zwar, wenn der Sturm am Ende des zweiten Akts Furcht und Schrecken im Land verbreitet, und am Ende, wenn die Stimme Neptuns als Deus ex machina das Ende der Herrschaft Idomeneos verkündet.

Dass sich „Idomeneo“ problemlos von der mythologischen Folie lösen lässt aufgrund der zeitlosen Gültigkeit der behandelten Themen, erklärt die aus den Niederlanden stammende Regisseurin im Interview im Programmheft, haben aber auch viele andere Inszenierungen in den letzten Jahrzehnten gezeigt. Vom traumatisierten Idomeneo nach der Rückkehr aus dem Trojanischen Krieg ist die Rede, von der vom Fluch des Atriden-Geschlechts heimgesuchten Elettra liest man. Für den letzteren findet Mijnssen immerhin Bilder, während Elettra ihre erste Arie im ersten Akt „Tutto nel cor vi sento“ virtuos intoniert. Aber man würde sich vor allem in den ersten beiden Akten, in denen die Personen librettogemäss nur wenig interagieren, wünschen, dass mehr von den Schmerzen, der Trauer und dem Leid der Personen auch sichtbar würde. Oft wird oratoriumsähnlich an der Rampe gesungen, weil den Sängern die Hilfestellung seitens der Regie fehlt.

Joseph Kaiser, der in Zürich sein Rollendebüt als Idomeneo gibt, hebt sich wohltuend von dieser Statik ab, was in seiner feurigen Wiedergabe von „Fuor del mar ho un mar in seno“ seinen Höhepunkt findet. Den inneren Kampf des Menschen, der seinen Sohn für den Frieden in seinem Land opfern soll, weiß Kaiser stimmlich und darstellerisch glaubwürdig wiederzugeben. Die Koloraturen mögen nicht seine größte Stärke sein, dafür kann er – schon in seiner ersten Arie – mit einer Mischung aus guter Fokussierung, gut verblendeten Registern, Festigkeit und Schmelz auf lyrischem Fundament punkten. Kaiser ist nicht nur ein gereifter Sänger, sondern ein lebenserfahrener Singschauspieler, der Idomeneo zu einem Menschen werden lässt.

Im dritten Akt bekommen auch die auf Kreta gefangene trojanische Prinzessin Illia, die Idomeneos Sohn Idamanate liebt, sowie Elettra als Illias Rivalin mehr Profil. Wenn Illia und Idamante sich ihre Liebe gestehen, er wiederum das ominöse, Kreta bedrohende Ungeheuer tötet, aber gleichwohl geopfert werden soll, bis die erlösende Stimme aus dem Off kommt, zeigt Mijnssen, das sie Figuren auf der Bühne zu heute berührenden Archetypen erwecken kann. Ob das neue Königspaar Kreta schlussendlich mehr Glück bringt als Idomeneo, lässt die Regie trotz des jubelnden Schlusschors offen. Das hat uns die Erfahrung bald 240 Jahre später gelehrt. Richtigerweise – wenn auch musikalisch schade – entfällt in Zürich die abschliessende Ballettmusik.

Das mehrheitlich junge Ensemble um Joseph Kaiser überzeugt, obwohl instrumentaler geführte Stimmen möglicherweise noch besser mit dem Orchestra La Scintilla harmonieren würden. Anna Stéphanys leicht gaumiger, weich timbrierter Mezzosopran (Idamante) und Hanna-Elisabeth Müllers warme, sensible Tongebung und der glockige Klang ihres Soprans (Illia) passen bestens ins Klangbild und harmonieren gut im Liebesduett im dritten Akt („S’io non moro a questi accenti“). Die junge Chinesin Guanqun Yu zeigt das Bild einer charakterlich vielschichtigeren Elettra, als man es sonst gewöhnt ist. Ihre Raserei und Wut basieren nämlich auf dem Leid, das sie in der eigenen Familie erfahren musste und das sie charakterlich verhärtet hat. Sie hat gelernt, dass man sich nur mit Rache wehren kann, obwohl ihr Herz auch andere Wege erlauben würde. Airam Hérnandez besticht schließlich mit seinem schmelzreichen, leuchtenden Tenor als Arbace, den Mijnssen als Alter Ego Idomeneos deutet.

Giovanni Antonini führt wie mit der Taschenlampe durch alle Subtilitäten und Nuancen der Partitur, so dass schon der Orchesterklang allein eine spannende Erlebnisreise bietet. Jede Stimme darf ihr Eigenleben führen und ist doch dank Antonini in ein klares Gesamtbild eingebunden. Sehr genau herausgearbeitet sind die häufigen Tempowechsel als Folge von Gefühlsschwankungen. Und ebenso viel Beachtung hat Antonini in der Vorbereitung den Rezitativen geschenkt. Kleine Unstimmigkeiten zwischen Bühne und Graben und Ungenauigkeiten in der Intonation in der besuchten, zweiten Vorstellung waren in der Gesamtschau vernachlässigbar. Den Chor des Hauses hat Ernst Raffelsberger vorbereitet.

Weitere Vorstellungen:
10., 13., 16., 18., 23. und 27. Februar, 2. März. Karten und mehr Informationen: www.opernhaus.ch

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