Idealbild des Künstlers

Eine Ausstellung in der Pariser Philharmonie widmet sich dem „Mythos Beethoven“

Von Elisabeth Richter

(Paris, im November 2016) „Freude, schöner Götterfunken“ tönt es gleich im ersten Saal der Ausstellung „Ludwig van“ in der neuen Pariser Philharmonie von mehreren Bildschirmen übereinander und nebeneinander in einem dunklen Raum. Unter dem Motto „Omnipräsenz einer Ikone – Weihe oder Auflösung“ prasselt eine Flut von Videos und akustischen Reizen auf den Besucher ein. Darunter: Chuck Berrys „roll over Beethoven“, der am Flügel hämmernde Peanut-Charlie Brown, ein probendes Orchester im afrikanischen Kinshasa, zwei französische Komiker philosophieren über „Ludwig van“ und mehr: Beethoven aus allen Kanälen.

„Was muss man nicht alles ertragen, wenn man das Unglück hat, berühmt zu werden.“ Als Beethoven 1825 diesen Seufzer ausstieß, ahnte er noch nicht, was ihm nach seinem Tod am 26. März 1827 noch bevorstehen würde. Zeitgenössischen Berichten zufolge sollen rund 20.000 Menschen bei seinem Begräbnis zugegen gewesen sein, immerhin ein Zehntel der damaligen Wiener Bevölkerung. Selbst Kaisern sei ein solche Ehre nicht zuteil geworden – das verrät ein kleines Zitat von Romain Rolland in der Ausstellung „Ludwig van“ in der Pariser Philharmonie

Beethoven war schon zu Lebzeiten ein Mythos, doch sein Nachruhm, seine Popularität, seine künstlerische Ausstrahlung brechen alle Rekorde. Eine posthume Weltkarriere, die ihresgleichen sucht. Die Pariser Ausstellung „Ludwig van. Le mythe Beethoven“ will zeigen, wie sehr sich Künstler verschiedenster Sparten bis heute von Beethoven inspirieren lassen, aber auch wie seine Musik von den unterschiedlichsten politischen Systemen gebraucht, missbraucht und instrumentalisiert wurde. Dabei kann man zuweilen ins Schmunzeln geraten, wenn ein Video zeigt, wie man in der Volksrepublik China mit der „Ode an die Freude“ – auf chinesisch natürlich – 1959 den zehnten Jahrestag der Staatsgründung feierte. Beethovens „Neunte“ war 1942 auch das Geburtstagsständchen für Adolf Hitler. Rechtspopulisten in Frankreich oder Deutschland benutzen bis heute die zur „Europahymne“ erhobene Melodie für ihre europafeindlichen Zwecke.

Beethoven verkörperte wie kein anderer und als erster das Idealbild des Künstlers in der Romantik. Der einsame, grüblerische, melancholische Künstler, der um Werte und Wahrheit ringt, der die Menschen in ihrem Innersten mit seiner Kunst berührt. Dass er sein Dasein jedoch keineswegs nur als Misanthrop abseits des gesellschaftlichen Lebens fristete, berührt die Pariser Ausstellung nur am Rande. Kommentare zu den rund 250 Exponaten sind ohnehin knapp und meist nur auf Französisch. Es geht auch nicht um das Leben des Komponisten oder darum, warum seine Kunst so großartig ist, sondern um den Mythos Beethoven, zu dem der Künstler im Laufe der fast 200 Jahre seines Nachlebens stilisiert wurde.

In acht Kapiteln präsentiert die von Marie-Pauline Martin und Colin Lemoine kuratierte Schau eine Fülle verschiedener Objekte. Beethovens Kopf mit dem willenstarken Blick und den wilden Haaren, aber auch seine Totenmaske werden im 19., 20. und 21. Jahrhundert nicht nur zu einem bevorzugten Motiv von Malern wie Joseph-Benjamin Constant oder Markus Lüpertz, Bildhauern wie Antoine Bourdelle oder Arno Breker, (Pop-Art-) Künstlern wie Andy Warhol oder dem Isländer Erró, sondern auch zu einem Schwerpunkt der Pariser Ausstellung. Das passt für weitere Kapitel wie „Der Musiker als Prophet“ oder „Denkmäler – Der unsterbliche Körper Beethovens“ und „Reinvestieren in Beethoven – eine Herausforderung“.

Die Verehrer Beethovens sind zahlreich, sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Schriftsteller und Philosophen wie Grillparzer, ETA Hoffmann, Schopenhauer oder Tolstoi und Thomas Mann sind darunter, Architekten, Maler oder Bildhauer wie Le Corbusier, Max Klinger, Wassily Kandinsky und Gustav Klimt oder Media-Künstler wie Nam June Paik und Terry Adkins, der Beethoven als Afroamerikaner mit Rasterlocken sieht. Die Reihe der Komponisten, die sich auf den „Riesen Beethoven“ (Johannes Brahms) beziehen, ist endlos; Schumann, Bartók, Schostakowitsch sind nur wenige Namen. Pop- und Rockgruppen wie Ekseption oder Soulwax mögen für viele weitere stehen. Nicht zu vergessen das Medium Film, dem die Ausstellung „Ludwig van“ neben zahlreichen Ausschnitten aus Beethoven-Filmen aller Art noch einen eigenen Saal widmet: „Kino – zum Hören“. Zu sehen sind etwa Stanley Kubricks „Clockwork Orange“, Ingmar Bergmans Ehedrama „An die Freude“ oder harte, ans Brutale grenzende Filme wie Nadav Lapids „Policeman“ und Gus van Sants Amoklauf-Film „Elephant“.

Beethoven ist zum Kult, zum Mythos geworden und der zuweilen ans Religiöse grenzende Verehrung wird mit der Präsentation einiger „Reliquien“ Rechnung getragen. Zu sehen sind etwa seine Geige, sein Hörrohr, sein Spazierstock, sein Essbesteck oder seine Haare.

Das Spektrum der Pariser Ausstellung ist weit, ebenso anregend wie herausfordernd. Die visuellen und akustischen Reize gilt es manchmal zu filtern. Die Schau zeigt vor allem die Universalität und ungebrochene Popularität des visionären Komponisten, dessen Kunst – und das macht tatsächlich seine Größe aus – von Menschen auf allen Kontinenten aus unterschiedlichsten Kulturen verstanden werden kann. Besser kann ein Künstler seine Vision von „alle Menschen werden Brüder“ kaum verwirklichen.

„Ludwig van. Le mythe Beethoven“
noch bis 29.01.2017
Di-Do: 12-18 Uhr, Fr: 12-22 Uhr, Sa/So: 12-20 Uhr
Eintritt: 10 €
Cité de la musique – Philharmonie de Paris
221, Avenue Jean-Juarès, 75019 Paris
Metro 5, Porte de Pantin
www.philharmoniedeparis.fr/en/ludwig-van/ludwig-van


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