Honens 2

Triumph mit Scarlatti, Schubert und Ravel

Stichproben am zweiten und dritten Tag des Internationalen Honens Klavierwettbewerbs im Münchner Gasteig
(München, 27. April 2009) Im kanadischen Calgary, wo auch im Herbst die drei Finalrunden stattfinden, und New York hatten sich schon 60 Pianisten in der ersten Runde präsentiert, nun traten am Wochenende 26 Pianisten in München zur europäischen Vorrunde des Honens Klavierwettbewerbs an. Mit allein 10 Teilnehmern waren Russland und die Ukraine enorm stark vertreten. So verwundert es kaum, dass einer der Besten, mit erst 21 Jahren auch der Jüngste, ebenfalls aus Russland stammte.
Georgy Tchaidze begann mit Domenico Scarlatti (den Sonaten in h-moll K 27 und d-moll K 141) und verblüffte schon hier mit perlender Geläufigkeit, eleganter Anschlagskultur und stilistisch untadeligem Musizieren. Ganz leicht und anmutig etwa klangen die virtuosen Tonrepetitionen der zweiten Sonate. Franz Schuberts späte Klavierstücke D 946 spielte er teils mit bohrender Intensität, teils mit nach innen gewandtem, subtilem Ausdruck. Höhepunkt seiner 40-Minuten-Darbietung, die ein klug gebautes kleines Konzert darstellte, war dennoch Maurice Ravels „La Valse“, dessen abgründige, am Rand des ersten Weltkriegs komponierte Wiener-Walzer-Paraphrase. Nie vermisste man die opulente Orchesterfassung, so geschmeidig variierte Tchaidze das Tanz-Idiom in Tempo und Lautstärke, ließ er Harfenklänge aufrauschen, die Musik mal dumpf vor sich hinbrüten, dann wieder fiebrig lodern. Ein Ereignis!
Da mühten sich andere Pianisten schon mehr: Etwa Tiffany Butt aus Kanada, die sich an „Mazeppa“ aus Liszts „Etudes d’exécution transcendentes“ abarbeitete, drei Brahms-Intermezzi aus opus 119 schön, vielleicht allzu fein abtönte, bevor sie mit Franz Schuberts Wanderer-Fantasie zu Hochform auflief. Selten gelingt einem Pianisten eine solche Gratwanderung zwischen brillantem Klavierspiel und ausdrucksvoller Vergegenwärtigung der Musik. Auch dies eine reife Leistung der 30-jährigen!
Weniger Glück mit Schubert hatte Michael Namirovsky aus Israel, der die späte c-moll-Sonate manchmal – vor allem im Kopfsatz – allzu brachial spielte, während das fatal in sich kreisende Perpetuum-Mobile-Finale bei ihm allzu harmlos wirkte. Mit teils wunderbar sanft gespielten, teils effektvoll dargebotenen Rachmaninov-Preludes und -Etüden konnte er weitaus mehr beeindrucken.
Ähnlich disparat war der Vortrag von Jean-Philippe Sylvestre aus Kanada. Wann immer die Paganini-Variationen von Brahms hohe Virtuosität forderten, gelangte der 27-Jährige an seine Grenzen. Wenn er einfach nur Musik machen durfte, hörte man ihm ausnehmend gerne zu, wie er auch Liszts Nr. 3 aus den „Consolations“ mit großem Sinn für Klang und Artikulation spielte. Dass er nach Ravel (aus „Miroirs“) die unangenehm auftrumpfende Orientalische Fantasie „Islamej“ von Alexej Balakirew noch glaubte dreingeben zu müssen, erwies sich nicht nur als Geschmacksverirrung, sondern hinterließ auch pianistisch keinen besonders guten Eindruck.
Wenn Alexander Karpeyev nur die ebenso faszinierende wie komplexe Jazz-Etüde „Fanfares“ von György Ligeti gespielt hätte, man würde das Spiel des 26-Jährigen als technisch wie musikalisch ebenso berückend in Erinnerung behalten. So aber tönten die „Trois mouvements de Petrouchka“ nicht wie Ballettmusik für eine lebendig gewordene Puppe, sondern glichen Schlachtenlärm-Musik wie für einen Hollywood-Schinken. Auch wenn mancher Komponist den Flügel als Schlagwerk oder gar „Hämmer-Klavier“ versteht, eine solche Musik will doch mit mehr Raffinement und skurrilem Charme gespielt werden.
Klaus Kalchschmid
Am Dienstag, 28. April (20 Uhr) ist Hinrich Alpers, Preisträger des Honens-Klavierwettbewerbs 2006 im Kleinen Konzertsaal des Gasteig mit Beethovens op. 111, der fis-moll-Sonate op. 11 von Robert Schumann, Alexander Skrjabins op. 10 und der deutschen Erstaufführung einer dem Pianisten gewidmeten Sonata von Benedict Mason zu hören. Karten an der Abendkasse.

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