Holländer Lyon

Opernkritik: Fliegender Holländer

Sturm im Bühnenhaus

Foto: Jean-LouisFernandez

La Fura dels Baus inszeniert Wagners „Fliegenden Holländer“ an der Oper Lyon
Von Robert Jungwirth
(Lyon, 11. Oktober 2014) Die flirrenden Geigen des allerersten Orchestereinsatzes haben so viel elektrisierende Spannung wie die Nachblitze, die über der aufgepeitschten See auf der Bühne zucken. Die meterhohen Wogen, die nur von den Blitzen erhellt werden, scheinen geradezu in den Orchestergraben zu schwappen. So beängstigend realistisch sind die 3-D-Projektionen der katalanischen Bühnenkünstler La Fura dels Baus zur Ouvertüre von Wagners „Fliegendem Holländer“ in dieser Inszenierung an der Opéra de Lyon.
Obwohl man dieses beinahe zu Tode gerittene Musikstück nun wahrlich kennt, bekommt es in dieser hyperrealistischen Szenerie noch einmal eine neue Dringlichkeit. Wagner hatte die Eingebung zu dieser Musik ja auf einer hochdramatischen Schiffsreise über die Nordsee, bei der er mit seinem Leben schon abgeschlossen hatte.
Aus dem kochenden 3-D-Meer hebt sich plötzlich steil nach oben ragend ein gigantischer Schiffsbug in den Bühnenhimmel – der Bug eines riesigen Frachters in Originalgröße, rostig-rötlich schimmernd mit vom Salzwasser verätzten Fenstern an der Steuerkabine etwa im fünften Stock des Ungetüms (Bühne: Alfons Flores, Projektionen: Franc Aleu, Licht: Urs Schönebaum). Er später sieht man, dass der Seemann Daland das Schiff nur zum Verschrotten an den heimischen Strand bugsiert hat. Die Spinnerinnen-Szene – für Regisseure ohnehin eine eher problematische Sequenz – sind bei La Fura Frauen, die am Strand die Kleinteile des Schiffs auseinanderschrauben und sortieren.
Wir befinden uns also am Strand eines Drittweltlands, wo Menschen ihr Auskommen finden, indem sie den angeschwemmten Schrott der „Erstwelt“ auseinanderschrauben und (wenn es gut geht) wieder verwerten. Nahezu genialisch ist die Idee, die Bühnenhügel, auf die zu Beginn das Unwetter und die Wellen projiziert werden, später als Dünenlandschaft zu verwenden, wo das Schiff zerlegt wird.
Hier herrscht noch ungetrübtes Patriarchat, Frauen reichen dem Häuptling Daland nach dem Landgang erst mal eine Schüssel mit Wasser zum Händewaschen und ziehen ihm sodann die Stiefel aus. Entsprechend „natürlich“ erscheint das Geschacher, das Daland mit dem Holländer um die Hand seiner Tochter aufführt. Ob das nun alles eine Kritik am „goldenen“ Westen oder am frühkapitalistischen Rest der Welt ist, sei dahingestellt. Eine tiefere Bedeutung läßt sich aus der Szenerie für die Oper als Ganzes jedenfalls nicht gewinnen. Sie ist in erster Linie und nahezu ausschließlich eines: spektakulär. Die Projektionen und das langsam von Dalands Mannen in seine Einzelteile zerlegte Riesenschiff verblüffen in ihrer optischen Realistik und Perfektion.
Wer oder was der weißüberpuderte Holländer ist, der aussieht als sei er in eine Kalkgrube gefallen, scheint Regisseur Alex Ollé dagegen weniger zu interessieren. Er ist halt ein leicht wahnsinniger Freibeuter mit Geld wie Heu, dem sein Geld aber kein Glück und vor allem keine Frau eingebracht hat. Simon Neal spielt diesen Holländer wie aus einem expressionistischen Stummfilm entlaufen – gesanglich mitunter ein wenig angestrengt, aber insgesamt ansprechend. In seiner gestischen Holzschnitthaftigkeit wird er noch übertroffen von dem vor Geldgier die Augen rollenden Daland des Falk Struckmann, dessen gestisch-mimisches Ausdrucksrepertoire sogar noch weiter in die Vergangenheit zurückreicht. So vordergründig-platt hat man den alten Seebären noch selten gesehen. Und so selbstgefällig brüllend selten gehört. Vielleicht wollte Struckmann den Franzosen zeigen, dass man Wagner vor allem laut singen muss – was für ein Unsinn! Gott sei Dank verfolgte Magdalena Anna Hofmann eine andere musikalische Linie. Ihre Senta klang klar und stark ohne zu übertreiben, auch zu einfühlsamem Lyrismus fähig, schön timbriert und unangestrengt – ein durchweg überzeugendes Rollenporträt.
Kazushi Ono am Pult motivierte Orchester, Solisten und Chor durch engagierte Zeichengebung, kreierte sinnfällige Spannungsbögen und Höhepunkte. Vielleicht fehlte dem Orchesterklang noch der letzte Glanz, aber der Holländer ist ja auch nicht „Tristan“. Klangschön und präzise agierten die Damen und Herren des Frauen- und Männerchors (Einstudierung: Philip White).
Nach den Aufführungen in Lyon wird die Produktion übrigens auch in Küstenstädten wie Bergen und Melbourne gezeigt. Ob die seesturmerprobten Opernfreunde dieser Städte den Sturm im Bühnenhaus ebenso spektakulär empfinden werden wie die Besucher in Lyon? Man wird sehen.

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