Holländer Dortmund

Ideenreich, vital, suggestiv

Lucian Krasznec (Steuermann) Foto: Thomas M. Jauk

Jens-Daniel Herzog beginnt mit einer "Holländer"-Inszenierung seine Intendanz in Dortmund
(Dortmund, 1. Oktober 2011) In den letzten Jahren hatte die Dortmunder Oper Akzeptanzprobleme, die Auslastung des Hauses war mitunter deprimierend. Es begann wohl schon zur Zeit von John Dew, der für seine Bielefelder Raritätendramaturgie auf ein neues Forum hoffte. Unter Christine Mielitz änderte sich die Situation nicht grundsätzlich. Immerhin verabschiedete sie sich in der letzten Spielzeit mit einer grandiosen "Suor Angelica" innerhalb eines sehr guten "Trittico". In Bonn kann man gerade ihre jüngste Puccini-Inszenierung erleben, "Manon Lescaut".

Jetzt ist Jens-Daniel Herzog Intendant in Dortmund. Vom Schauspiel herkommend, arbeitet er seit langem auch für das Musiktheater. Seine Amtsübernahme Drei-Sparten-Hauses erscheint also durchaus plausibel. Mit seiner Einstandsinszenierung des "Fliegenden Holländer" trägt Herzog der Tatsache Rechnung, dass Richard Wagners Oeuvre in Dortmund immer stark gepflegt wurde. Auch der nahende 200. Geburtstag des Komponisten soll Folgen haben.
Was beim "Holländer" als Erstes auffällt, ist die realistische Bühnenausstattung von Mathis Neidhardt: klar lokalisierte Räume, die sich aktweise von den Seiten hereinschieben. Die Angaben des Librettos werden freilich ignoriert – kein Schiff (außer als Nippes oder als Wandbilder), keine Matrosen, moderne Kostüme. Der erste Aufzug spielt in einem maritimen Kontor Dalands (die moderne Technik hat darin Platz gegriffen), der zweite findet in einer Art Wellness-Salon statt, der dritte in einer herausgeputzten Kneipe mit Flipperautomat. Der zerbirst beim Geisterchor und lässt ein unheimliches "Draußen" in die saturierte Kleinbürgerwelt explodieren. Einen solchen "Überfall" stellt bereits der Holländer-Monolog dar, ein Messerkampf mit dem verängstigten Steuermann. Bereits in der Ouvertüre sind Übermächte im Spiel, visualisiert durch eine wildbewegte Chorregie, die an anderen Stellen freilich auch sehr manierierte Ausdrucksformen wählt.

Die angstbesetzten Sehnsüchte der Titelfigur und Sentas finden im Duett des Mittelaktes zum stärksten Ausdruck. Herzog inszeniert eine intime Verlobungszeremonie mit Ringtausch, beschworen auf einer Pistole im Falle von Untreue. Dazu passt dann freilich nicht, dass Senta der hymnische Freitod verweigert wird (welcher die finale Erlösungsmusik rechtfertigt), sondern dass sie bei Handgreiflichkeiten mit Erik von einer Pistolenkugel getroffen wird.
Doch geschenkt. Die Aufführung gibt sich ideenreich, vital, suggestiv, was durch den Dirigenten Jac van Steen unterstrichen wird. Aus dem neuen Ensemble des Hauses fallen zunächst der bassfüllige Wen Wie Zhang (Daland) und der exzellente Lucian Krasznec (Steuermann) ins Ohr. Höhenstark wie dieser auch Mikhail Vekua (Erik). Andreas Macco porträtiert charismatisch den Holländer. Mit ihrem leuchtenden Senta-Sopran gewinnt Christiane Kohl besondere Publikumsgunst wie auch der verstärkte Chor. Ein beeindruckender Auftakt in Dortmund.

Christoph Zimmermann

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.