Hoffmanns Erzählungen Lyon

Opernkritik Hoffmanns Erzählungen in Lyon: Grusical der besonderen Art

John Osborn als Hoffmann und Patricia Ciofi als Giulietta Foto: Jean-Pierre Maurin

„Hoffmanns Erzählungen“ begeistern an der Oper Lyon
Von Robert Jungwirth

(Lyon, 14. Dezember 2013) Ein Reich der Schatten, der Gespenster, der Untoten, das ist die Atmosphäre, in der Laurent Pelly die unglücklichen Liebesabenteuer des Dichters Hoffmann spielen lässt. Nichts von spielopernhaftem Geplänkel, dafür umso mehr Gruselkabinetthaftes à la Caligari und Nosferatu. Hoffmanns ewiger und ewig sich wandelnder diabolischer Gegenspieler Lindorf, Coppelius, Doktor Miracle und Dapertutto – sieht etwas aus wie der blutsaugende Untote aus Murnaus Film – nur die langen Fingernägel fehlen. Treppen in Häusern enden plötzlich im Nichts, Personen können scheinbar durch Wände gehen… Das alles erinnert nicht zufällig an die Stummfilmästhetik der 20er Jahre – die Kostüme allerdings sind im späten 19. Jh. angesiedelt (Jean-Jacques Delmotte).
Die Fantastik E.T.A. Hoffmanns, sie ist in Frankreich schon sehr früh auf große Sympathie gestoßen. Theophile Gautier meinte im 19. Jh. zu erkennen, dass Hoffmann in Frankreich sogar populärer sei als in Deutschland. Und schließlich stammt ja auch die Oper „Hoffmanns Erzählungen“ von einem französisierten Deutschen: Jacques Offenbach, eigentlich Jakob Eberst aus Offenbach.
So steht auch Pellys Inszenierung der Oper in Lyon ganz in der Tradition der französischen Wertschätzung für Hoffmann wie für Offenbach. Mit der gleichen Sorgfalt, mit der Pelly die Personen szenisch zeichnet – treffsicher zwischen Realistik und Stilisierung hin und her wechselnd -,  tut dies musikalisch auch der Chefdirigent des Theaters Kazushi Ono am Pult des Orchesters der Opera de Lyon. Nichts, aber auch gar nichts klingt bei Ono nach operettigem Gesumse, dafür trennscharfes, dabei immer klangschönes Auf-den-Punkt-Musizieren. Die Produktion aus dem Jahr 2005, die jetzt wiederaufgenommen wurde, ist zweifellos ein Highlight im „Repertoire“ der Oper Lyon – die ja eigentlich gar kein Repertoire hat, weil sie im Stagione-System spielt, d.h. jede Produktion ist eine bestimmte Zeit zu sehen, dann folgt die nächste. Ab und zu gibt es aber Ausnahmen. In diesem Fall hat die Wiederaufnahme auch damit zu tun, dass die Inszenierung auf Gastspielreise nach Japan eingeladen wurde. Mit guten Grund, wie man jetzt wieder sehen und hören konnte.
Es sind surreale, reduktionistische Räume, die Chantal Thomas für diesen „Hoffmann“ kreiert hat. Ihre Düsternis korrespondiert mit der unheimlichen Atmosphäre, in der sich Hoffmann bewegt. Ist es Traum, ist es Wirklichkeit? In jedem Fall ist es mehr von Ersterem. Ganz hervorragend spielt und singt das John Osborn, indem er die Getriebenheit, ja Verzweifeltheit Hoffmanns auch musikalisch deutlich macht – die hier darin gipfelt, dass er aus Versehen seine Geliebte Giulietta ersticht. Aber auch die lyrischen Momente gelingen ihm mit schmeichelndem Schmelz in der Stimme. Bestens motiviert natürlich von einer überragenden Patricia Ciofi, die alle vier Geliebten Hoffmanns singt (inklusive der Opernsängerin Stella) und dabei jede auch stimmlich zu ihrem Recht kommen lässt – eine großartige Leistung! Laurent Alvaro ist Hoffmanns nosferatuhafter Schatten mit schwarzer Seele und schwarzer Stimme.
Es wäre nicht verkehrt gewesen, hätte Pelly die Anlehnung an den expressionistischen Stummfilm noch konkreter hervortreten lassen. Zum Beispiel mit einer sw-Ästhetik und direkten bildlichen Zitaten. Aber auch so – in den Andeutungen der Zwischenwelten – wird dieser „Hoffmann“ in Lyon zu einem Grusical der ganz besonderen Art. Vom Publikum zu recht ausgiebig bejubelt. Bleibt noch der ganz fantastische Chor zu erwähnen, der sich in Onos Akzentuierung der Offenbachschen Musik mit großartiger Genauigkeit einfügt.

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