HJ Lim, Ken-David Masur

The Swingin‘ Symphonics

Die koreanische Pianistin HJ Lim (Foto: Simon Fowler/EMI Classics)

Die koreanische Pianistin HJ Lim und die Münchner Symphoniker erweisen unter der musikalischen Leitung von Ken-David Masur der französisch-amerikanischen Freundschaft eine Reverenz
(München, 21. November 2012) Im ersten Moment mag es verwundern, die Namen zweier berühmter französischer Komponisten des 20. Jahrhunderts auf dem Ankündigungszettel eines Konzertes zu lesen, dessen programmatisches Motto mit Kompositionen von George Gershwin und Leonard Bernstein klar als "amerikanischer Abend" bezeichnet werden kann.
Doch bereits der Titel "Louisville-Konzert" lässt auch einen inhaltlichen USA-Bezug des Orchesterwerks von Jacques Ibert erahnen. Ibert schrieb das Stück im Jahr 1953 für das Louisville-Orchester, das sich seit seiner Gründung 1937 zu den führenden amerikanischen Orchestern auf dem Gebiet der zeitgenössischen Musik entwickelt und sich besonders durch Uraufführungen und die Einspielungen Neuer Musik unter eigenem Label einen Namen gemacht hatte. Im Anklang an die Gepflogenheiten großer amerikanischer Komponisten wie Gershwin oder Bernstein, die in ihren Kompositionen klassische musikalische Traditionen der Alten Welt mit neuartigen Stilelementen des Jazz, der Unterhaltungsmusik verschmelzen, ist Iberts "Louisville-Konzert" ein ausgelassenes orchestrales Showstück: Musikalische Passagen unterschiedlichen Charakters und Temperaments reihen sich in revueartiger Dramaturgie zu einem großen Ganzen. Anfangs klangen die schnellen, flirrenden Läufe in den Streichern noch etwas unpräzise und unkoordiniert zu den synkopischen Einwürfen der Bläser, später überzeugten die Münchner Symphoniker unter der Leitung von Ken-David Masur besonders in den elegisch-kontemplativen Passagen.
Maurice Ravels Konzert für Klavier und Orchester G-Dur ist ebenfalls eine Reverenz des alten Europas an die Neue Welt. In diesem 1932 entstandenen Spätwerk erwies der Komponist nicht nur durch die Heiterkeit und Brillanz seiner Komposition Wolfgang Amadeus Mozart die Ehre, sondern brachte auch seine Bewunderung für seinen amerikanischen Kollegen George Gershwin zum Ausdruck. Ist die Eröffnung des ersten Satzes von jazzigen Synkopierungen, dem Einsatz von Schlagzeug und einem bluesartigem Thema geprägt, atmet besonders der zweite Satz den "Geist Mozarts", denn Ravel legte diesem Teil des Konzertes das Larghetto aus Mozarts Klarinettenquintett KV 381 zugrunde. Geprägt ist der Satz vor allem durch einen kontemplativen Walzerrhythmus, der zunächst vom Klavier ohne Orchesterbegleitung eingeführt wird und später zur Begleitung einer lyrischen Cantilene der Flöte wird.
HJ Lim, die junge Solistin des Abends, die im Kopfsatz des Ravel-Konzerts in äußerst flinken und virtuosen Stellen ihre Fingerfertigkeit in sehr lockeren und weich gelungen Läufen unter Beweis stellen konnte, verstand es besonders im zweiten Satz wunderbar, sich zurückzunehmen, um an den entsprechenden Stellen den Orchestersolisten den Vortritt zu lassen, sodass Orchestermelodie und Klavierbegleitung fließend ineinander verschmolzen und sich zu einem wohltönenden Gesamtklang verbanden. Auch im energetischen letzten Satz war ein harmonisches, durch gegenseitiges Verständnis geprägtes Miteinander zu bewundern.
Als Zugabe präsentierte HJ Lim, die sich u.a. durch eine Konzertserie mit allen Beethovensonaten, die sie an acht aufeinanderfolgenden Tagen in Paris spielte, einen Namen gemacht hat, eine Eigentranskription eines Volksliedes aus ihrer Heimat Korea. Dieser virtuose Vortrag stand musikalisch ganz in der kompositorischen Tradition des zuvor erklungenen Ravel-Konzertes.
Unter dem Motto "Let’s swing!" lässt sich der der zweite Teil des Konzertes zusammenfassen. Mit Georges Gershwins Orchester-Rhapsodie "An American in Paris" aus dem Jahr 1928 schlug man auch nach der Pause eine Brücke von Frankreich über den großen Teich nach Nordamerika. Gershwin, der vor der Entstehung des Stücks eine ausgedehnte Europareise unternommen hatte, illustrierte darin in autobiographischer Manier musikalisch die Eindrücke eines amerikanischen Touristen in Paris: von hupenden Autos auf den Champs-Elysées, Kirchenglocken und anderem Straßenlärm bis hin zu durch Blues-Rhythmen geprägten melancholischen Erinnerungen an die amerikanische Heimat.
An diesem Abend thematisierte jedoch nicht nur Gershwins Komposition das Großstadtleben. Als letzten Programmpunkt spielten die Münchner Symphoniker die Ouvertüre zu Leonard Bernsteins Musical "On the Town". Das Werk, das sich inhaltlich am Ballett "Fancy free" von Bernstein orientiert, entstand 1944 als Hommage an das pulsierende Leben New York Citys.  Es war eine Freude, Ken-David Masur, der in New York aufwuchs, wo sein Vater die New Yorker Philharmoniker leitete, und den Münchner Symphonikern beim Musizieren zu zusehen. Besondern Ken-David Masurs Körpersprache vermittelte den Spaß des Dirigenten am Swing.  
Christina Schmidl

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.