Hintergrundbericht SWR-Symphonieorchester

Dem Anfang wohnt kein Zauber inne

Das fusionierte SWR-Symphonieorchester kämpft mit Problemen, während der Sender Begeisterung verbreitet
Von Georg Rudiger

(Freiburg, Stuttgart, Ende November/Anfang Dezember 2016) Das Parkett ist nicht voll bestuhlt, sondern hat einen Mittelgang. Auch die ersten vier Reihen im Freiburger Konzerthaus sind beim zweiten Abokonzert des neuen, fusionierten SWR-Symphonieorchesters weggeräumt. Hatte das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg in seiner letzten Saison in Freiburg stets vor vollen Rängen gespielt, so ist die Zuschauernachfrage für das fusionierte Orchester zurückgegangen. Abonnements wurden gekündigt. Der Applaus ist höflich, als das Orchester mit der Stuttgarter Konzertmeisterin Natalie Chee die Bühne betritt. Begeisterung klingt anders. Im Juli hatte sich der Chefdirigent François-Xavier Roth mit einem fulminanten, über vierstündigen Konzert von seinem Orchester und seinen Freiburger Zuhörern verabschiedet. Bei den minutenlangen stehenden Ovationen flossen Tränen auf der Bühne. Auch bei den ersten Konzerten mit dem fusionierten Orchester hätten Musikerinnen und Musiker geweint, als sie wieder ins Konzerthaus gekommen seien, berichtet Solocellist und Orchestervorstand Frank-Michael Guthmann. So stark sei die emotionale Anspannung gewesen.

Der Sender versucht alles, um diesen erzwungenen Neuanfang zu einem Erfolg zu machen. Auf der neuen Website SWR-Classic bezeichnet Orchestermanager Felix Fischer im Interview mit Markus Brock die Orchesterfusion als  „Neugründung“, die historisch sei. In der TV-Übertragung des Eröffnungskonzertes spricht SWR-Intendant Peter Boudgoust, den Moderator Denis Scheck als den Mann ankündigt, „der diesen Abend erst möglich gemacht hat“, von einem verheißungsvollen Auftakt: „Ich bin begeistert!“  Johannes Bultmann, Gesamtleiter der SWR-Klangkörper und Festivals, gibt die Zielrichtung für den neuen Klangkörper vor: „Wir haben den Anspruch, an der Spitze mitzuspielen.“ Die neue mediale Beachtung, die der SWR seinem Orchester schenkt, freut die Orchestermusiker. Nur mit den Inhalten können sich viele nicht anfreunden. „Die Berichterstattung über das Eröffnungskonzert hat die Schamgrenze verletzt. So viel Eigenlob ist kaum zu ertragen“, kritisiert Peter Bromig, Solohornist und Freiburger Orchestervorstand. „Auf einmal schenkt uns der SWR diese Aufmerksamkeit, die wir uns in der Vergangenheit immer gewünscht haben. Dies aber nun ausgerechnet in einer Situation, in der wir qualitativ so weit von dem entfernt sind, was wir vorher geboten haben“, sagt Gunnar Persicke, Stimmführer der zweiten Violinen.

172 Mitglieder zählt im Augenblick das SWR-Symphonieorchester. 119 sollen es einmal werden. Da der Südwestrundfunk auf Kündigungen verzichtet hat, wird dieser Prozess wohl Jahrzehnte dauern. Konkrete Angaben dazu macht der Sender nicht. Es gibt attraktive Vorruhestandsregelungen, die das Abschmelzen der Stellen beschleunigen sollen. Normalerweise hat ein groß besetztes Orchester zwei Konzertmeister und zwei Stimmführer in den anderen Streichergruppen. Beim SWR-Symphonieorchester sind es bei den ersten und zweiten Violinen sowie den Bratschen zur Zeit jeweils vier, die aus tariflichen Gründen nur abwechselnd spielen dürfen. So haben die Tuttistreicher ständig einen anderen Stimmführer. „Ich spielte das Eröffnungskonzert im September und habe jetzt gerade mein zweites Projekt – mit einer völlig neuen Violingruppe hinter mir“, sagt Gunnar Persicke. „Normalerweise sucht sich eine Gruppe ihre neuen Mitglieder aus. Wir sind zusammengewürfelt. Das macht die erforderliche Homogenität natürlich schwierig, zumal die Besetzung immer anders ist.“ Zumindest besteht Besetzungskontinuität, so dass die, die proben, alle Konzerte spielen. Auch unterschiedliche Traditionen erschweren das Zusammenwachsen. Das Freiburger Orchester spielte meist präzise auf den Schlag, das Stuttgarter entwickelt den Ton im Vergleich dazu eher später und weicher im Klang. Bei den Bläsern liegen die Schwierigkeiten woanders. Durch die vielen längeren Spielpausen fehlt die notwendige Auftrittsroutine. Deshalb hat sich Hornist Peter Bromig schon früh um andere Projekte gekümmert, um auch mental die notwendige Anspannung zu haben. Musikalische Probleme gibt es hier weniger. „9 von 11 Mitgliedern der Horngruppe waren beim gleichen Lehrer.“ Je nach Stellenzahl im jeweiligen Register ist die Arbeitsbelastung für den einzelnen Orchestermusiker extrem unterschiedlich. Auch diese Ungerechtigkeiten sorgen nicht gerade für beste Stimmung.

Nur rund 10 der 80 Freiburger Musiker sind nach Stuttgart gezogen. Der Rest pendelt zu den Proben in die Landeshauptstadt oder hat ein Zimmer gemietet. Für die Stadt Freiburg ist der Weggang des Orchesters „ein herber Schlag und ein großer Verlust“, sagt Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach. Aber wir möchten nicht jammern.“ Bernd Dallmann, Geschäftsführer von Freiburg Wirtschaft Touristik und Messe, betont, dass die Zahl der SWR-Konzerte in Freiburg gleich geblieben sei. „Durch die fehlenden Proben werden Buchungskapazitäten frei, die für andere Veranstaltungen genutzt werden können.“ Dass das Philharmonische Orchester Freiburg mit seinem Generalmusikdirektor Fabrice Bollon gerne das Konzerthaus stärker für seine Proben und CD-Aufnahmen nutzen würde, ist gerade Gegenstand von Verhandlungen. Die optimalen Probebedingungen im Konzerthaus vermissen die Freiburger SWR-Musiker jedenfalls. Der Backstage-Bereich der Stuttgarter Liederhalle ist beengt. Man kann sich nicht einspielen, wenn das Orchester auf der Bühne sitzt. Die Noten für das Folgeprojekt bekommt man im Funkhaus – das heißt einmal quer durch die Stadt. Im Konzerthaus musste man dafür eine Treppe hochgehen. „Wir brauchen für unser Orchester optimale Arbeitsbedingungen. Die sind in Stuttgart nicht gegeben“, sagt Flötistin Anne Romeis. Positiv überrascht sei sie vom guten menschlichen Miteinander mit den Stuttgarter Kollegen. „Sie haben sehr viel Verständnis für die Situation der Freiburger.“

Schwierigkeiten gibt es genug. Wie soll ein Orchester schnell einen gemeinsamen Klang finden, wenn die Mitglieder nur selten in der gleichen Besetzung spielen? Wie soll Musikalisches vereinheitlicht werden, wenn es keinen Chefdirigenten gibt? Einen Zeitplan für die Suche nach ihm verrät der Sender immer noch nicht. Auch die insgesamt sechs Orchestervorstände aus Freiburg und Stuttgart, hier diskussionsfreudig, dort eher meinungsbildend, müssen sich auf eine gemeinsame Linie verständigen. „Hier gibt es schon einen großen Mentalitätsunterschied zwischen den Orchestern“, sagt Guthmann. All diese Prozesse der Vereinheitlichung brauchen Zeit. Der Erfolgsdruck, unter dem der Sender nach der heftig kritisierten Orchesterfusion steht, ist da hinderlich. Aufbruchsstimmung gibt es nur im Kleinen, wenn sich die Streicherpulte mischen, in den Proben laut gelacht wird oder man dem Kollegen Beifall spendet. „Das Trompetensolo meines Stuttgarter Kollegen Jörge Becker bei ‚Petruschka‘  war schon wunderbar“, lobt Peter Bromig. Und freut sich auch über „ganz tolle Leute“ aus Stuttgart, die nun zu Kollegen geworden sind.



Münchner Philharmoniker


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