Herr Karl

Aggressive Gemütlichkeit

Foto: Moritz Schell

Biedermann oder Blockwart? Wie spielt man den legendären "Herrn Karl" nach Helmut Qualtinger heute? Martin Zauner versucht in den Wiener Kammerspielen eine Wiederbelebung
(Wien, 22. Oktober 2010) Helmut Qualtingers und Carl Merz‘ bitterböses Solostück "Der Herr Karl" provozierte bei seiner Uraufführung im Jahr 1962 wütende Proteste (und klammheimliche Zustimmung). Die Mehrheit derer, die offen negativ reagierten – und dazu bedurfte es damals keines großen Mutes -, fühlte sich in tiefster Opportunistenseele getroffen. Denn darum geht es in dem Stück: Ums Sich-Durchmogeln durch verschiedene politische Systeme am Beispiel Wiens: Vom roten übers schwarze ins braune und schließlich ins von den Aliierten besetzte Wien und in das spätere Proporz-Österreich der Nachkriegszeit. Anders und genauer gesagt: Von der gemütlichen Parteibuchwirtschaft übers bezahlte Mitmarschieren bei den Klerikofaschisten bis zum Volkswartetum, das damit begann, daß der Herr Karl den Herrn Tennenbaum dazu zwang, nach dem "Anschluß" im März 1938 mit der Zahnbürste Gehsteige zu reinigen und sich nach 1945 darüber wunderte, daß der seinen freundlichen Nicht-Hitler-Gruß nicht erwidern wollte.
Herr Karl – das ist der gemütliche Duckmäuser, der fürchterlich angepaßte Durchwurstler, der immer zuschlägt, wenn andere schwach sind. Er liebt außer sich selbst niemanden. Dafür liebt er das Essen, das Trinken, den unanstrengenden Job. Es könnte einem schlecht werden mit ihm. Aber merkwürdigerweise und nicht nur, weil Helmut Qualtinger als die Urform dieser Figur ein uneinholbares und unwiederholbares Vorbild bleibt, mit all der raunzerischen Poesie, die ihm eigen war und mit der er die wunde Stelle der österreichischen Seele zum Singen brachte. Es ist die Zeit, die an der Wahrheit dieses Stücks und seines Protagonisten nagt. Die heutigen Herrn Karls sind nur noch blaße Abbilder des Originals, angefressen von globalisierten Sitten, durchs Leben gehetzt in ihren prekären Jobs. Das Leben, in dem man sich gemütlich einrichten und an dem man mitnashcen konnte, ist vorbei. Die Bösartigkeit hat sich umgenistet und neue Opfer gesucht: Tschuschen, Türken, Albaner, Schwarze. Oder Zigeuner = Roma und andere "Andersartige" wie die Schwulen.
In dieses neue und sozusagen "modernisierte" Wespennest also muß die neue Aufführungsserie des "Herrn Karl" mit Martin Zauner in den Kammerspielen am Schwedenplatz hineinstechen. Just an dem Ort, an dem der 1986 verstorbene Helmut Qualtinger diesen Monolog 1962 zur Uraufführung brachte. Der Anlaß: 100 Jahre Kammerspiele. Die Kammerspiele sind eine Dependence des Theaters in der Josefstadt. Und dessen Direktor Herbert Föttinger führt bei dem Stück auch Regie und versucht dem Herrn Karl ein neues Image zu verpassen.
Oh Fluch der Jubiläen! ist man versucht auszurufen. Es ist ja nicht das erste Revival: Der österreichische Kabarettist Erwin Steinhauer konnte noch ein böser, begnadeter, weil "natürlicher" Nachfolger und Nachahmer Qualtingers sein, der Zeit und Gesellschaft, in der jener lebte. Heute geht das nicht mehr. Wenn es einen Anlaß für so ein Stück gäbe, dann wäre es eine Neuausgabe, die das Heute ins Visier nähme. Eine Ahnung davon ist in dem Stück gegenwärtig: In der neuen Serie schlägt Techno-Lärm unendlich viele Kerben in den Ablauf des Stücks, das vor nackten weißen Kulissen stattfindet. Das rettet in gewisser Weise die Aufführung. Aber eben nur fast.
Daß "Der Herr Karl" in die Jahre gekommen ist, merkt man zuallererst an den vielen Lachern an den falschen Stellen, vor allem an jener, bei der Martin Zauner lange nach hinten verschwindet und man laute Pissoirgeräusche vernimmt. Dabei versuchen er und sein Regisseur durchaus einen eigenen Weg zu gehen. Zauner ahmt Qualtinger nicht nach, ist ruppiger, kühler, schnoddriger als das Original. Aber dadurch auch weniger heimtückisch, weniger gefährlich. Es fehlt ihm die latente aggressive Gemütlichkeit, die Qualtinger so unnachahmlich zu verkörpern wußte. Es fehlt auch die genau gesetzte sprachliche Schärfe Qualtingers, seine raunzerische Poesie, deren melodischer Gesang heute schon einer vergangenen Zeit angehört. Wir sind modernisiertere rassistische Gemeinheiten gewohnt. Der Herr Zauner ist wie einer, der von seinen alten Heldentaten erzählt, die keiner mehr ernst nimmt.
Derek Weber

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