Herr der Ringe

Herr der Augenringe

MünchnerSymphoniker unter LudwigWicki Foto: Hilda Lobinger

Die Münchner Symphoniker mit der Livemusik zu "Herr der Ringe" auf Tour durch die USA

(USA, Oktober 2011) Es war die Idee des Komponisten Howard Shore ("Das Schweigen der Lämmer", "Philadelphia", "The Game", "Seven", "Departed", "The Aviator", "Departed") selbst, dass seine Musik zu "Herr der Ringe" live zum Film aufgeführt werden sollte. Zunächst sollte das in den USA mit kleinem Orchester geschehen, doch dann bekam der Schweizer Ludwig Wicki nach einem Konzert mit Filmmusik von Shore, das er dirigierte, Wind davon und nahm sich der Sache an. Erst einmal musste das Material der Orchesterstimmen aus verschiedensten Quellen zu einer Partitur zusammengefügt werden, denn auch wenn die Musik dem Genre "Abenteuersymphonie" angehört, so war doch an eine zusammenhängende Aufführung jenseits des von Shore selbst eingespielten Soundtracks nie gedacht. Doch 2008 war es mit Teil 1 in Luzern mit dem Orchester des 21. Jahrhunderts soweit und im Jahresabstand folgten die beiden Fortsetzungen.

Seither arbeitet Wicki unermüdlich mit Shore an einem musikalischen "Directors Cut" weiter. Er enthält nun wieder alles, was Regisseur Peter Jackson 2001 in der Endproduktion an Musik entfernt hat, etwa die großartigen Chöre, wenn am Ende Boromir (Sean Bean) von drei Pfeilen durchbohrt wird und tapfer weiterkämpft. Aber auch Bogenstriche und einzelne Stimmen wurden geändert. Und allabendlich ist Wicki das enorme positive Energie ausstrahlende Zentrum am Pult. An Ostern 2011 stemmten die Münchner Symphoniker an insgesamt sechs ausverkauften Abenden in der Philharmonie am Gasteig alle drei Teile. Jetzt sind sie seit 11. Oktober mit Teil 1 ("The Fellowship of the Ring") auf Tour an der Westküste der USA und haben gerade Fresno, die 500.000 Einwohner-Stadt in Kalifornien erreicht, bevor es noch nach Oakland und Sacramento weitergeht.

Am vierten Tag der Tour kamen in Anaheim, südöstlich von Los Angeles, geschätzte acht- oder neuntausend Besucher. Es war die bisher aufregendeste und beste "Show"! Wie immer beginnt sie pünktlich um 19.30 Uhr, wenn mit einem Schlag das Licht ausgeht. Stets folgt großer Beifall, aber nicht immer ist das Publikum trotz frostiger Temperaturen in notdürftig umgebauten Eishockeyhallen so aufgeheizt wie in San Diego oder eben in Anaheim und schon beim ersten Streicher-Thema oder beim Auftritt unter Bäumen von Frodo Baggins alias Elijah Wood brandet Beifall auf. Das wiederholt sich bei Aragorn, der Lichtgestalt. Oder war doch eher der Schauspieler Viggo Mortensen gemeint, eigentlich die zweite Wahl, die nach Beginn der Dreharbeiten einsprang und dann so charismatisch agierte? Lautstarke Zustimmung findet jede Lieblingsszene oder wenn mal wieder böse, gruselige Orcs gemetzelt wurden und natürlich wenn Aragorn seine Fee alias Liv Tyler küsst; aber auch schon mal am Ende einer großen musikalischen Entwicklung.

Wegen dieser Musik waren wohl die meisten gekommen, denn Komponist Howard Shore erhält beim Abspann mindestens so großen Applaus wie Orlando Bloom. Und wenn der Toningenieur so glücklich agiert wie in Anaheim und man nicht direkt in der Schusslinie der Lautsprecher sitzt, dann kann man auch einen tollen Symphoniker-Sound genießen, der nicht wie aus der Retorte und viel zu laut klingt. Dann hört man warme Streicher und runde, effektvolle Blechbläser und differenziertes Schlagwerk samt so eigenwilliger Instrumente wie einem Klavier, auf dessen freigelegte Saiten mit Ketten geschlagen wird oder einem Polychord. Da braucht man sich nicht mehr zu grämen, dass die Projektion des Films zu wünschen übrig lässt. Anders als im Gasteig stimmen die Farben nicht ganz und das von der Leinwand reflektierte Licht der Bühne macht aus dunklen Szenen Suchbilder. Aber was dort passiert, kennen die Meisten sowie auswendig. Anders als im Kino oder vor dem Fernsehschirm ist die Musik nicht Hintergrunduntermalung, sondern beinahe die Hauptsache. Nie klingt die Irish Whistle (eine volkstümliche Flöte) so fein und sehnsuchtsvoll, war das Hackbrett im grünen Auenland der Hobbits so authentisch zu hören wie live gespielt. Auch die Mezzosopranistin Kaitlyn Lusk ist im Saal trotz Verstärkung um so vieles schöner zu erleben als die Sängerin im Soundtrack. Soeben ist übrigens die Einspielung der sechssätzigen "Herr der Ringe"-Suite mit ihr und dem Orchesters des 21. Jahrhunderts unter Leitung von Ludwig Wicki auf CD erschienen.

Was diese Tour so anstrengend und anspruchsvoll macht, ist die Dichte der Auftritte, denn zehn Konzerte (plus Generalprobe) in 12 Tagen an neun verschiedenen Orten – das hinterlässt Spuren, auch wenn das die gute Laune der 75 Musiker, egal ob festangestellt und tournee-erfahren oder Aushilfen, die gerade mal die Musikhochschule hinter sich gelassen haben, kaum beeinträchtigen kann. In bin der "Herr der Augenringe" scherzt ein Musiker schon mal (so der Titel einer Parodie von 1969 auf die Tolkien-Romane), wenn er mit Sonnenbrille den Tourbus besteigt. Andere genießen es, dass sie sich nicht um den Alltag zuhause kümmern müssen, dass sie im Bus stundenlang durch die Wüste fahren oder in baumlosen Berge schauen können, ihren Gedanken nachhängen und abends im Kollegenkreis ein Bier trinken können. Das schmeckt zwar nicht wie zuhause, aber dafür irgendwie eigentümlich exotisch mit einem Hauch von Rauch und Ananas.

Auch für die Bühnen- und Soundtechniker ist das Ganze eine enorme Herausforderung. Denn jeden Abend muss das gesamte Equipment abgebaut werden: Leinwand, Lautsprecher und Bühne samt den sperrigen Instrumenten wie Kontrabässen, Harfe oder Schlagwerk. In drei großen Truckswerden sie nachts in die nächste Stadt gefahren – unter anderem San Diego, Las Vegas, Portland oder Seattle. Mal ist dieser Ort nur 120 km, meist zwischen 500 und 700 km, aber auch schon mal 1000 km entfernt. Die Musiker reisen am nächsten Morgen hinterher und haben einen engen Zeitplan: kaum mehr als eine Stunde Rast bleibt nach oft sechs Stunden Fahrt im Hotel, eine nicht selten halbstündige Fahrt zum Aufführungsort folgt, dann das Einspielen, das die Musiker sehr ernst nehmen, der Soundcheck mit großem gemischtem Chor (Pacific Chorale) und Knabenchor (Phoenix Boys Choir) und anderthalb Stunden vor dem Konzert gibt es noch Catering – schon mal für 200 Leute auf zwei großen Campingkochern gebrutzelt, entsprechend rapide nehmen die Portionen nach 100 Leuten ab. Aber es gibt auch öfters ein exzellentes warmes Menü.

Für das Nachtleben von Las Vegas bleibt da kaum Zeit und auch der Pool unter Palmen bei 30 Grad im schönen Hotel in San Diego lässt sich für eine halbe Stunde vor allem genießen, weil man sich so weniger über das noch nicht gemachte Zimmer ärgern muss. Viele der kleinen und größeren Pannen lassen sich glücklicherweise irgendwie regeln. Etwa, wenn die in Amerika allgegenwärtige Klimaanlage auf der Bühne den Bratschern die Noten von den Pulten bläst. Einer der Musiker, der gerade nichts zu spielen hat, schickt dann schon mal die Orchesterdirektorin Annette Josef im Saal eine e-mail. Auch die bösen Überraschungen bei der ersten Probe in Phoenix lösten sich dank Improviationsgabe und etwas Fantasie. Aber wer rechnet schon damit, dass die Aufhängevorrichtungen für das vor Ort geliehene Schlagwerk ganz andere als in Europa sind und in einer Kiste ankommen ohne Bauanleitung, oder dass die Pauken weder eine einheitliche Höhe haben, noch die Pedale sich richtig feststellen lassen.

Nach dem letzten Konzert mit "Herr der Ringe" am 23. Oktober fliegt ein Teil der Musiker nach Hause, der Rest macht sich auf an die Ostküste und spielt unter Leitung von Philippe Entremont neben Arnold Schönbergs enorm anspruchsvoller Orchesterfassung seines Sextetts "Verklärte Nacht" Werke von Wolfgang Mozart – das Requiem, die Serenata KV 239 und das Klavierkonzert KV 414.
 
Klaus Kalchschmid

Termine mit Werken von Schönberg und Mozart:

Mittwoch, 26. Oktober 2011, Richmond, KY
Donnerstag, 27. Oktober 2011, Granville, OH
Freitag, 28. Oktober 2011, Carmel, IN
Sonntag, 30. Oktober 2011, Manhattan, KS
Dienstag, 1. November 2011, Fayettville, AR
Donnerstag, 3. November 2011,  Conway, AR
Freitag, 4. November 2011, St. Louis, MO
Samstag, 5. November 2011, Joplin, MO
Sonntag, 6. November 2011, Overland Park, KS
Montag, 7. November 2011, Lincoln, NE
Donnerstag, 10. November 2011, Winston-Salem, NC
Freitag, 12. November 2011, Tallahassee, FL
Sonntag, 13. November, 2011, Athens, GA
Dienstag, 15. November 2011, West Palm Beach, FL
Mittwoch, 16. November 2011, West Palm Beach, FL
Donnerstag, 17. November 2011, Gainesville, FL
Samstag, 18. November 2011, Daytona Beach, FL

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