Heroische Weltsicht

Via attrapia in Berlin

In seinem Buch „Heroische Weltsicht – Hitler und die Musik“ stellt Sebastian Werr die vielfältigen Beziehungen zwischen der Theaterwelt und Hitler dar
Von Robert Jungwirth

Die Opern Richard Wagners lieferten für das tausendjährige Reich Adolf Hitlers bekanntlich stets die passende Begleitmusik. Noch am 12. April 1945 – knapp zwei Wochen vor Hitlers Freitod – spielten die Berliner Philharmoniker bei ihrem sogenannten Abschiedskonzert Teile aus Wagners „Götterdämmerung“. Der Untergang des Reichs gespiegelt in Wagners verbrennendem Walhall. Was Wagner einmal als Wunsch formuliert hat, „im Brande Walhalls möchte ich untergehen“, Adolf Hitler sollte es gelingen.

Der große Einfluss von Wagners Musik auf Hitler ist durch zahlreiche Dokumente hinreichend belegt und bekannt. Neues fördert auch Sebastian Werr in seiner umfangreichen Dokumentation nicht zutage. Vielmehr begnügt sich der Münchner Musikwissenschaftler mit einer Bestandsaufnahme des zahlreichen Materials aus Primär- und Sekundärquellen. Doch auch das ist fraglos eine respektable Leistung angesichts der schier überbordenden Literatur zum Thema Drittes Reich. Werr stellt klar, dass nicht nur die Musik und die deutschnationale Ideologie Wagners bis hin zu dessen Antisemitismus prägend für Hitler waren, sondern beispielsweise auch das Pathos der Kunstform Oper an sich. Hitler sei darüber hinaus auch nicht nur sehr interessiert, sondern überaus kundig in Fragen von Bühnentechnik und Regie gewesen. Und diese Kenntnisse übertrug er auf die Inszenierung seiner Auftritte und der Reichsparteitage.

Schon der Hitler-Biograph Joachim Fest hatte Hitler als „Theaterexistenz“ beschrieben und von seinem Hang, das eigene Leben als eine Folge grandioser Bühnenauftritte zu sehen, berichtet. Hitler entwarf Bühnenbilder, konzipierte Opernhäuser, versuchte sich sogar an einem eigenen Musikdrama. Da erstaunt es nicht, dass er auch Unterricht bei einem Opernsänger nahm und sich selbst nach einem gelungenen außenpolitischen Coup als „den größten Schauspieler Europas“ bezeichnete. Und nur konsequent war, dass der Theaterbühnenbildner Benno von Arent auch die Gestaltung öffentlicher Veranstaltungen der Nazis übernahm. So etwa eine nazigemäße „Verschönerung“ der Prachtstraße Unter den Linden anlässlich des Staatsbesuchs Mussolinis 1937. Die weiße Säulenreihe mit dem Reichsadler oben drauf wurde im (Berliner) Volksmund „Via attrapia“ genannt. [nächste Seite]

 

 


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