Herheim inszeniert Wozzeck

Eruptives Innenleben

Stefan Herheim inszeniert Bergs „Wozzeck“ in Düsseldorf

Von Christoph Zimmermann

(Düsseldorf, 20.Oktober 2017) Die Oper von Alban Berg wurzelt fest im Repertoire (Produktionen gab es in jüngster Zeit in Genf, Salzburg und im Theater an der Wien, hier in der reduzierten Orchesterfassung Eberhard Klokes). Gleiches gilt für seine „Lulu“. Eine äußerliche Verbindung zwischen beiden Werken ist durch ihren Fragmentcharakter gegeben. Bei „Lulu“ hat ihn Friedrich Cerha beseitigt (Paris 1979); diese Version wird auch häufig gespielt, freilich durchaus nicht als conditio sine qua non empfunden. „Wozzeck“ hingegen wirkt stimmig gerundet. Es ist also nur ein Hinweis entstehungsgeschichtlicher Art, wenn daran erinnert wird, dass der Dichter des „Woyzeck“, Georg Büchner, sein Stück eigentlich nicht mit dem Tod des Protagonisten im Wasser enden lassen wollte. Erhaltene Bruchstücke lassen darauf schließen, dass sein Drama in eine Gerichtsverhandlung münden sollte, wie sie 1824 für den realen Woyzeck ja auch belegt ist und seinen Tod durch das Schwert festlegte.

Diese Idee nimmt Stefan Herheim in seiner Inszenierung für die Deutsche Oper am Rhein auf. Bevor Musik erklingt, wird über Lautsprecher das Schuldurteil über seine Tat (Mord an der Geliebten Marie) verlesen. Der Delinquent ist auf einer (in der Folge häufig rotierenden) Pritsche festgeschnallt, alles läuft auf eine Exekution hinaus. Die Personen der Oper fungieren als stumme „Zeugen“, hinter einer Glaswand verharrt ein Gafferpublikum mit eingefrorenen Gesichtern. Das Schuldigwerden Wozzecks wird quasi in Rückblenden vermittelt. Der Angeklagte bleibt – sozusagen als Beobachter seiner selbst – auf sein Lager gefesselt, von welchem er jedoch immer wieder in die Handlung hinein wechselt.

Herheims Inszenierung stellt eine Grundfrage: ist Wozzeck wirklich Alleinschuldiger oder nicht vielmehr ein von der Gesellschaft in seine Tat Getriebener? Schafft die Masse Mensch nicht erst Bedingungen, welche die Tragödie Wozzecks auf den Siedepunkt bringen? Differenziert gelingt ihm dabei das Porträt von Marie. Sie ist sicher eine Art Flittchen, triebhaft empfänglich für die ihr überwältigend erscheinende Maskulinität des Tambourmajors. Aber sie erkennt die negative Seite ihres Wesens durchaus schuldbewusst. Das Gebet ist Eingeständnis für ihren erotischen Fehltritt, aber gleichzeitig Bekräftigung ihrer Liebe zu Wozzeck. Dieser Zwiespalt wird begünstigt durch dessen schizophrenes Gefühlsleben, welches mit Maries Lebensweise nicht in eine feste Deckung zu bringen ist. Eine in Permanenz gefährdete Beziehung.

Stefan Herheim setzt dieses gestörte Liebesverhältnis mit ungemein starken, tragisch gesättigten Bildern in Szene. Die ohnehin schon reichlich skurril angelegten Rollen von Hauptmann und Doktor werden bei ihm zu fratzenhaften Figuren. Den immer wieder rumpelstilzchenartig körperverdrehten Hauptmann gibt Matthias Klink (gerade zum Sänger des Jahres gekürt) mit bestechender Intensität und bietet auch dort wirklich gesungene Spitzentöne, wo sich andere Rollenvertreter in krächzendes Chargieren retten. Dass dem bald auch als Mime präsenten Extraklassesänger mitunter letzte dämonische Konturen fehlen, sei nur beiläufig erwähnt, hat wohl auch primär mit seiner immer noch sehr jugendlichen Erscheinung zu tun. Dem Doktor verleiht Sami Luttinen wahrhaft großinquisitorische Züge, seine bassgewaltigen Äußerungen wirken wie das Brausen einer Orgel.

Eine besonders virenhafte Gestalt zeichnet Herheim mit dem Narren. Zunächst tritt Florian Simson in stummer Anwesenheit wie ein bigotter Priester auf, um sich dann in ein travestiehaftes Springteufelchen zu verwandeln. Eine brilliante Leistung voller Irrwitz. Er, wie auch alle anderen Figuren, sind bei Herheim in Wozzecks Leben wie Kletten verankert, verstärken sein ohnehin schon zutiefst verunsichertes Selbstwertgefühl. Wie der Regisseur das – maßvoll unterstützt von Videobildern des Teams fettfilm – in einem zyklonhaften Crescendo am Auge des Publikums vorbei rasen lässt, ergibt eine nachgerade quälende Spannung.

Ein solches Konzept ist natürlich nur bei Verfügbarkeit von Sängern zu realisieren, welche zu totaler Verausgabung fähig und auch bereit sind. Bo Skovhus, ein hinreißender Menschendarsteller (Rollen von Eisenstein bis Lear; sein erster Wozzeck vor 19 Jahren in Hamburg bei Metzmacher/Konwitschny), unterstreicht mit zuckendem Gesicht, sich windendem Körper und fahrigen Gesten das unbewältigte, eruptive Innenleben der Titelfigur so intensiv, dass man es fast schon mit der Angst zu tun bekommt. Mit Gesang im klassischen Sinne ist der Rolle nicht beizukommen; trotzdem berühren bei dem dänischen Bariton auch Pianotöne, die wie hilflos gestammelten leisen Passagen.

Camilla Nylund darf sich in ihrer Debütpartie hin und wieder traditionellen Belcanto gönnen (Erzählung, Gebet), und der klingt bis in extreme Höhen hinein wahrhaft mirakulös, wie man es von ihren Strauss- und auch Wagner-Rollen gewohnt ist. Aber die finnische Sopranistin bietet mutig auch grelle, ja regelrecht ordinäre Töne, ist darstellerisch ein von Emotionen durchgeschüttelter personaler Energiestrom. Diese so markant eigentlich nicht erwartete Bühnenpräsenz macht schier fassungslos.

Den Tambourmajor umreißt Corby Welch korrekt als protzige Mannsfigur, bei welcher man (wie en passant auch bei Klinks Hauptmann angemerkt) nur ein letztes Quentchen an Rollenzuspitzung vermissen könnte. Präzise besetzte Nebenfiguren: Katarzyna Kuncio (Margret), Cornel Frey (Andres) sowie die Handwerksburschen Thorsten Grümbel und Dmitri Vargin.

Die Ausstattung von Christof Hetzer wirkt sehr zweckdienlich. Ein spezielles Eigenprofil ist ihr freilich nicht eigen, dennoch wirkt sie als adäquate Einkleidung von Herheims furioser Inszenierung, welche sich am Schluss überraschend einen markanten Ruhepunkt gönnt. Alle Mitwirkenden (incl. Chor/Gerhard Michalski und Kinderchor) stehen „konzertant“ aufgereiht an der Rampe, gönnen dem Auge des Zuschauers ein nachdenkliches Verweilen, den Gedanken Auslauf.

Zum faszinierenden Eindruck des pausenlosen Abends tragen auch die Düsseldorfer Symphoniker unter ihrem GMD Axel Kober bei. Die Ausdruckskraft von Bergs Musik vermittelt das Orchester beklemmend, korrespondiert solcherart schlüssig mit dem Geschehen auf der Bühne. Nach gebührender Stille tobte sich das Premierenpublikum in einem Beifallsorkan aus.

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