Herbert Blomstedt

Zu lange weilende Schönheit

Herbert Blomstedt Foto: Gert Mothes

Herbert Blomstedt überzelebriert Bruckners Siebente bei den BR-Symphonikern in München – Thomas Zehetmair spielt Hartmanns "Concerto funebre"
(München, 9. Dezember 2011) Es hat lange gedauert, bis Anton Bruckner für seine Symphonien breite öffentliche Anerkennung zuteil wurde. Immer wieder musste der Spätberufene (die erste Symphonie komponierte er mit 42 Jahren) Bettelbriefe an Dirigenten und Verleger schreiben, damit die seine Werke beachteten.
Einer der wichtigsten Fürsprecher Bruckners war der Münchner Hofkapellmeister Hermann Levi, der auf Bruckner in den frühen 1880er Jahren aufmerksam wurde und 1885 in München mit sensationellem Erfolg seine Siebente Symphonie erstaufführte. Levi, der Uraufführungsdirigent des "Parsifal", war ein umfassend gebildeter und weitsichtiger Musiker, der auch mit Brahms sehr eng befreundet war, bis es – wegen Wagner – zum Zerwürfnis kam.

Wer sich Bruckners eigenwillige Formbildung, seine rhapsodisch-improviatorische Art der Themenverarbeitung sozusagen retrospektiv ansieht, kann die Verwunderung, ja Verstörung der Zeitgenossen vielleicht etwas nachvollziehen. Heute verstört das selbstverständlich niemanden mehr. Doch sind Aufführungen seiner Symphonien nicht immer gleichermaßen "schlüssig". Wem es als Bruckner-Dirigent nicht gelingt, die Heterogenität und Komplexität, die Exzentrik und die Spiritualität, die sich über lange Zeiträume erstreckende Tektonik einem musikalischen Ganzen, einer großen Linie unterzuordnen, der bleibt nur bedingt überzeugend.
Selbst große Dirigenten sind nicht davor gefeit, Bruckners symphonischen Erzählfluss ins Stocken zu bringen, wie man jetzt beim Auftritt von Herbert Blomstedt beim Symphonieorchester des BR erfahren konnte. Das "verweile doch, Du bist so schön", ist bei Bruckner zwar verlockend, aber auch sehr gefährlich. Wer sich auf Einzelereignisse kapriziert, dem geht unweigerlich der Zusammenhang verloren.

Dabei fing der 84jährige Blomstedt geradezu jugendlich frisch an. Das langgezogene Hauptthema des ersten Satzes – das längste Symphoniethema der Musikgeschichte – kam ohne alles Raunende, klar und prägnant. Doch schon im weiteren Verlauf des ersten Satzes geriet die Lautstärkengestaltung pauschal. Mezzoforte war zu oft Standard, egal um welche Themenverästelungen es sich gerade handelte, und die zu langen Pausen vor den Themeneinsätzen ließen die Musik statisch wirken.
Das Hauptproblem des Abends aber offenbarte sich im zweiten und dritten Satz. Blomstedt überbot mit 24 Minuten für das Adagio sogar noch den Langsamkeitsfetischisten Celibidache. Der Trauergesang auf den Tod Richard Wagners zerfloss bis zur Unkenntlichkeit. Das belebte zweite Thema (moderato im 3/4-Tak) bildete kaum einen Kontrast zum ersten. Und fast jedes Mal, wenn ein piano-Einsatz kam, drosselte Blomstedt das Tempo zusätzlich. So wurde aus dem Zusammentreffen von Bruckner und Blomstedt in München leider kein strahlend fulminantes Erlebnis – sondern eine Bruckner-Zelebration, die trotz hervorragender klanglicher Leistungen der BR-Musiker dem Geist der Musik zuwiderlief.

Anders Karl-Amadeus Hartmanns "Concerto funebre" aus dem Jahr 1939, komponiert während seiner inneren Emigration in der Zeit der Naziherrschaft in Deutschland. Das Werk ist noch immer ergreifendes Zeugnis von innerer Trauer und Auflehnung gegen den Ungeist und die Grausamkeit der gesellschaftlichen und politischen Ereignisse der späten 30er Jahre in Deutschland – während die Umgebung Hartmanns in besinnungslosem Taumel dem Abgrund entgegenjubelte. Entsprechend sarkastisch klingt beispielsweise der Mittelsatz – der ein wenig an Schostakowitsch denken lässt.
Thomas Zehetmair spielte den Solopart vielleicht ein wenig zu brüchig im Ton, ließ das Cantabile, die Behauptung der Schönheit und der Humanität gegen den Ungeist etwas zu kurz kommen. Dennoch steckte viel Tiefgang und Überzeugungskraft in seiner Interpretation. Schön, dass dieses nicht nur zeitgeschichtlich, sondern auch musikalisch bedeutsame Werk mal wieder in München zu hören war.

Robert Jungwirth
    

 

 



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