Heras-Casado

Konzertkritik: Pablo Heras-Casado

Singende Geigen

Pablo Heras-Casado Foto: Promotion

Die Münchner Philharmoniker rüsten sich für die digitale Zukunft und spielen unter Pablo Heras-Casado Mozart, Mendelssohn und Mahler
Von Christian Gohlke

(München, 21. November 2014) Schon im Jahr 2008 haben die Berliner Philharmoniker eine sogenannte „Digital concert hall“ eingerichtet. In dieser virtuellen Konzerthalle kann man via Internet die meisten der in Berlin gespielten Abonnementkonzerte live mitverfolgen. Ein Archiv bietet zudem die Möglichkeit, ältere Aufnahmen mit Claudio Abbado oder Herbert von Karajan zu sehen, außerdem werden Interviews und Dokumentationen zum Abruf angeboten. Wer dieses Angebot nutzen möchte, hat die Wahl zwischen verschiedenen kostenpflichtigen Abos. Das Projekt der Berliner Kollegen mag als Vorbild für die Müncher Philharmoniker gedient haben, die nun ebenfalls im Internet präsent sein werden. Ihr dortiger Auftritt ist jedoch, verglichen mit dem der philharmonischen Konkurrenz in Berlin, weitaus bescheidener, dafür aber kostenlos für jedermann nutzbar: Ausgewählte Konzerte werden künftig per livestream übertragen. Sie sind unter der Adresse www.mphil.de abrufbar.
Die erste Auffühung, die auf diese Weise am Samstag, 22. November 2014 im Internet mitverfolgt werden konnte, wurde von Pablo Heras-Casado geleitet, der gerade drei Abonnementkonzerte der Münchner Philharmoniker dirigiert. Ein glücklicher Einstieg, – sofern die Liveübertragung so schön gelang wie der Abend, den Heras-Casado am Vortag in der Philharmonie leitete. Der noch junge spanische Dirigent (er wurde 1977 in Granada geboren und ist inzwischen hauptsächlich in den USA tätig) überzeugte mit einem sinnvoll zusammengestellten, zum Teil begeisternd musizierten Programm.
Eröffnet wurde das Konzert mit der Sinfonie Nr. 31 in D-Dur, KV 297, die Mozart in einem für ihn ungewöhnlich langen und mühsamen Schaffensprozess genau auf den Geschmack des Pariser Publikums abzustimmen suchte, das er während seines so wenig glücklichen Aufenthaltes im Jahr 1778 für sich gewinnen wollte. Eine „Große Sinfonie“ sollte es sein, und das meint nicht nur die starke Besetzung, sondern auch den gesamten Habitus, die repräsentative Haltung des Werkes. Pablo Heras-Casado kommt diesem Ansprung besonders im Kopfsatz entgegen. Kraftvoll erklingt der Maestoso-Anfang mit seinen klar geformten aufsteigenden Streicherskalen, der zart und gesanglich von der verspielten Unisonofigur der Violinen kontrastiert wird. Das Dialogische, das den ganzen Satz prägt, gestaltet Heras-Casado auch im Seitenthema überzeugend, in dem Streicher und Holzbläser miteinander kommunizieren. Die Mittelstimmen sind plastisch herausgearbeitet, ohne darum je angestrengt gewollt zu wirken. Dem insgesamt zackig daherkommenden ersten Satz, der in dieser Aufführung seine Tempoangabe „Allegro assai“ wirklich verdient, folgt ein eleganter, dynamisch fein abgestufter Mittelsatz. Mozart hat für eine spätere Auffühung einen neuen zweiten Satz komponiert. In München wird das vermutlich ältere Andante im ¾-Takt gespielt. Der überschäumende Allegro-Schluss ist leicht, lebendig und mitreißend.
Dass dieser Dirigent die Tempo-Angaben ernst nimmt, ist danach auch bei Mendelssohns Violinkonzert op. 64 zu erleben, dessen Kopfsatz er wirklich „molto appassionato“ interpretierte. Dynamisch und voller Dramatik gestaltete Heras-Casado den ersten Satz, wobei der Einsatz der Violine mit ihrem schwungvollen Thema nach den ersten beiden nur vorbereitenden Takten ein wenig verwaschen klang. Das mag an der Akustik des Gasteigs liegen, die für Solokonzerte immer ungünstig ist, es hat aber vielleicht auch mit einem insgesamt zu dominanten Orchester zu tun. Gerade im ersten Satz hätte man sich gelegentlich eine präsentere Violinstimme gewünscht, und nach der von Christian Tetzlaff brillant gespielten Kadenz ist wohl auch ein noch spannungsreicherer Einsatz des Orchesters denkbar. Mit großer Sensibilität gestaltete der Dirigent dann die Überleitung zum Andante, das sich aus einem stehen gebliebenen Fagott-Ton heraus entwickelt. Klangschön und ausdrucksstark spielte Tetzlaff nun die sehnsuchtsvolle Melodielinie der Violine. Für den reichen Applaus dankte der Solist mit einer bezaubernd leicht und tänzerisch gespielten Gavotte aus Bachs Partita Nr. 3 (BWV 1006).
Atmende, organisch wirkende, immer wieder fein variierte Tempi, klare Mittelstimmen und exzellente solistische Leistungen der Holz- und Blechbläser kennzeichneten nach der Pause die Wiedergabe von Gustav Mahlers 4. Sinfonie. Der dritte Satz gelang am schönsten. Er war insgesamt von einer großen Ruhe getragen, ohne an Spannung zu verlieren. Singende Streicher eröffneten ihn zärtlich, warm erklang die Oboenstimme, weich die einfallenden Hörner. Die mächtigen Tutti-Akkorde des Orchesters unterbrachen in der Coda die weihevolle Stimmung nur kurz, aber äußerst effektvoll. Harfen und Streicher fanden zur tiefen Ruhe zurück, in welcher der Satz verklingt. Pablo Heras-Casado gestaltete das mit großem Sinn für Dramatik, und die Münchner Philharmoniker musizieren nuancenreich und präzise. Mit Genia Kühmeier stand für den vierten Satz, der das Kernstück der Sinfonie bildet und von Mahler schon Jahre zuvor komponiert worden ist, ein Sopran zur Verfügung, der in seiner Weichheit und Süße zu den „Freuden des Himmlischen Lebens“ vorzüglich passt, die das Gedicht aus des „Knaben Wunderhorn“ naiv besingt. „Die englischen Stimmen / Ermuntern die Sinnen, / Daß alles für Freuden erwacht.“ Bis es dereinst  soweit ist, nimmt man hinieden gerne mit so schön gespielter Musik vorlieb, notfalls auch via Livestream…

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