Hengelbrock Philharmoniker

Kam, musizierte und siegte

Thomas Hengelbrock. Bild:bik/Karl Forster

Thomas Hengelbrock machte in der Philharmonie im Gasteig aus den Münchner Philharmonikern ein neues Orchester.

(München, 10. Dezember 2007). Dass mit Thomas Hengelbrock ein besonderer Geist am Dirigentenpult der Münchner Philharmoniker walten würde, war zu erwarten. Dass sein Wirken aber derart tiefgreifende Folgen haben würde wie beim jüngsten Philharmoniker-Konzert am Wochenende, das war schon eine Überraschung. Hengelbrock ist einer jener Dirigenten, die – wie etwa Nikolaus Harnoncourt, Sir Charles Mackerras oder Philippe Herreweghe – nicht zum Kanon der „großen“ Dirigenten gehören, aber dennoch ihren Platz vor den wichtigen Orchestern haben. Weil sie für einen anderen Stil stehen als den Mainstream, weil sie sich noch mit anderen Faktoren der musikalischen Interpretation beschäftigen als mit der möglichst orchestergerechten Aufbereitung eines Werkes.
Hengelbrock dirigierte also zum ersten Mal die Münchner Philharmoniker und er kam, musizierte und siegte. Seine Verbündeten waren ein offenkundig hochmotiviertes Orchester sowie Mozart und Schumann. Das Orchester zeigte sich bereit, Hengelbrock auf seiner interpretatorischen Fahrt zu den Höhepunkten der Sinfonik auf jeden Weg, auf jede neue Route zu folgen. Und es klang daher wie ein völlig neues Orchester, wie eines, das München bisher noch nicht hatte und es so weiter haben sollte. Bei Mozart galt es, die C-Dur-Sinfonie KV 338 zu erobern. Ein frisches, dynamisches und stark rhythmisch betontes Werk. Wie Hengelbrock hier das Orchester in deutlich reduzierter Besetzung an den Details der Artikulation arbeiten ließ, ohne den Blick auf das Ganze zu verlieren, das wies ihn sowohl als gewieften Kenner der Alten Musik als auch als erfahrenen Orchesterleiter aus. Die philharmonischen Musikerinnen und Musiker jedenfalls folgten seinen Vorgaben, als seien sie ein Kammerorchester, das schon immer einen solch transparenten, drahtigen, den Zuhörer packenden Klang kultiviert hat. Und: Wegen des exakten, ausgearbeiteten Spiels klang die Sinfonie im riesigen Saal keinesfalls „klein“.
Ähnlich erging es Robert Schumanns zweiter Sinfonie. In Hengelbrocks Musizierweise erhält diese Musik einen Glanz im Bläsersatz, der gewöhnlich in der Übermacht der Streicher untergeht. Mit der Idee, dass Romantik auch einen kompakten, gleichmäßigen Klang eines Orchesters bedeuten muss, räumen Leute wie Hengelbrock auf – übrigens glaubte daran auch nicht die unvergessene Lichtgestalt am Pult der Münchner Philharmoniker, Sergiu Celibidache. Gegenstand von Hengelbrocks Interpretation der C-Dur Sinfonie Schumanns war deren Vielschichtigkeit, die Lust Schumanns an gesanglichen Motiven und deren immerneue Formulierung in allen Stimmen des Orchesters. So wird die Romantik wirklich lebendig.
Nicht weniger lebhaft und facettenreich ging es in den Arien aus Mozarts Idomeneo vor der Pause zu, bei denen der Tenor Ramon Vargas als Solist mitwirkte. Nur schien es Vargas richtig schwer zu fallen, sich auf die Akustik des Raumes einzulassen. Seine gesamte Darbietung erschien wie ein einziger Kraftakt, in „Un Aura amorosa“ fehlte ihm jegliche Legatokultur. Das erstaunte um so mehr, als er in der gleichen Partie bei den Salzburger Festspielen 2006 im Haus für Mozart genau jene Raffinesse der Stimmführung und der Differenzierung gezeigt hatte, die ihm bei diesem Anlass in München fehlte. In der zwischen den Arien gespielten Idomeneo-Ballettmusik brillierten wieder die philharmonischen Musiker mit ihren Solisten und Solistinnen an Klarinette und Oboe. Aus deren Spiel sprach die reine Freude an der Musik, und die Tutti machten sich einen hörbaren Spaß daraus, das „col legno“- und „alla battuta“-Spiel in schnarrenden und schnalzenden Klang umzusetzen.
Auch die Münchner Philharmoniker, so gaben sie unter Hengelbrocks Leitung zu hören, sind ein Orchester, das für verschiedene Stilrichtungen den besonderen, „richtigen“ Ton parat hat.
Laszlo Molnar

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