Hélène Grimaud Köln

Konzertkritik: Héléne Grimaud

Enttäuschender Bach, furioser Mozart

Hélène Grimaud Foto: www.helenegrimaud.com

Hélène Grimaud und die Camerata München spielten in Köln unter Radoslaw Szulc Werke von Bach, Mozart und Haydn 
Von Christoph Zimmermann
(Köln, 3. Dezember 2015) Attraktiver Mittelpunkt beim jüngsten „Meisterkonzert“ der Westdeutschen Konzertdirektion war die französische Pianistin Hélène Grimaud. Sie erfreute nicht nur mit manueller und gestalterischer Musikalität, man empfindet Sympathie auch wegen ihrer außermusikalischen Aktivitäten. Die „Wolfsfrau“ ist beispielsweise eine erklärte Naturschützerin. Aber auch auf ureigenem künstlerischen Terrain geht Hélène Grimaud immer wieder neue, unorthodoxe Wege. So dirigiert sie seit kurzem, was heute natürlich keine Extravaganz mehr darstellt.
Einige Zeit vor Hélène Grimaud hat Radoslaw Szulc diesen Weg beschritten. Solistenkarriere und Konzertmeistertätigkeit beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ließen noch Platz für die Gründung der Camerata München. Das Renommee dieses Klangkörpers spiegelt sich u.a. in diversen Aufnahmen  mit der Solistin des Abends, Hélène Grimaud also, und dem Geiger Frank Peter Zimmermann. Mozart-Konzerte setzen dabei den Schwerpunkt.
Auch in der Kölner Philharmonie spielte Hélène Grimaud ein Mozart-Konzert, nämlich KV 486, ein besonderes Bijoux unter den Wunderwerken des Komponisten. Dämmeriger Beginn wie in Nebenschwaden, dann paradiesisches, fast schon romantisches Dur-Schwelgen im Mittelsatz, danach ein furioses Finale. Bei diesem Werk fand ein atmendes Miteinander von Solistin und Orchester auf höchstem Niveau statt. Hélène Grimaud agierte subtil, wo immer es gefordert war, aber doch immer wieder vorwärts preschend, wo es die Musik zuließ. Die rauschhaften Kadenzen unterstrichen den dramatischen Impetus der Künstlerin. Das Orchester korrespondierte mit fein abgestufter Dynamik und Agogik. Einige extrem gedehnte Ritardandi des vom Konzertmeisterpult aus lenkenden Radoslaw Szulc überraschten zwar, wirkten aber stimmig.
Dem Klavierkonzert von Mozart war mit BWV 486 eines von Bach vorausgegangen. Keine Beschönigung: die Wiedergabe war zutiefst enttäuschend. Dass Hélène Grimaud einen modernen Konzertflügel benutzte (wie im Programmheft ausdrücklich vermerkt), ist als Abrückung von der heute bevorzugten historischen Aufführungspraxis sicher nicht grundsätzlich zu monieren. Doch anders als bei Mozart, wo es immer wieder Freiräume für lichtvolle Solopassagen gibt, bevorzugt Bachs Werk eine fast pausenlose Mechanik. Kaum ein Innehalten, eine Atempause. Dieser barocke Drive besitzt zwar eigene Reize, will interpretatorisch aber bezwungen sein. Eine Studioaufnahme könnte die Kompaktheit des Klanggeschehens entkrampfen. Aber bei Hélène Grimaud und der Camerata München donnerten unablässig die Niagara-Fälle.
Dieser fatale Eindruck wurde dann außer durch Mozart auch durch die Haydn-Sinfonie Nr. 60 erfreulicherweise hinweg gewischt. Dieses Werk, sehr launig als „Il Distratto“ („Der Zerstreute“) untertitelt, wagt in sechs (!) Sätzen so manche Hanswurstiaden, wie sie Haydn immer wieder gerne mal offeriert. Doch bezwingt das Werk jenseits solch clownesker Züge auch durch seine musikalischen Einfälle, seinen unorthodoxen Esprit. Die Camerata München brachte mit forschem, aber auch lockerem, sensiblem Spiel das Werk zu bester Wirkung. Lustvolle Virtuosität und reiche Dynamik sind vor allem zu rühmen  Ein paar theatralische „Einlagen“ sorgten am Schluss der Sinfonie für besondere Würze.
Der von Hélène Grimaud und ihren Mitstreitern zugegebene langsame Satz aus Schostakowitschs zweitem Klavierkonzert war in seiner Melancholie ein Äquivalent zum anfangs gespielten Streicher-Adagio von Samuel Barber. Diese nicht von ungefähr populäre gewordene Musik (Orchestrierung eines Streichquartett-Satzes) bleibt im Ohr, vor allem jedoch im Herzen hängen. Der dunkle Samt-Klang mancher Passagen wirkte, vom Orchester intensiv beschworen, besonders wonnevoll. Zuletzt gab es noch einen reichlich schrägen Kehraus.

 

 



0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.