Heidelberger Frühling

Der Erlkönig und die Tuba

Annette Dasch und das Fauré Quartett Foto: Heidelberger Frühling

Der Heidelberger Frühling setzt sich unter dem Titel „Neuland.Lied“ für das Kunstlied ein
Antje Rößler
(Heidelberg, April 2017) Mit dem deutschen Kunstlied ist Heidelberg eng verbunden. Burgruinen, pittoreske Stadtansichten und die bewaldeten Hügel am Neckar haben Goethe und Brentano ebenso inspiriert wie Schumann oder Brahms. Um nur einige zu nennen. Das Festival Heidelberger Frühling will die Stadt wieder zu einem Zentrum der Liedkultur machen. Schon länger gibt es eine eigene Lied-Akademie. In diesem Jahr wurde zudem Thomas Quasthoffs „Lied“-Wettbewerb integriert, und es fand der Schwerpunkt „Neuland.Lied“ mit 16 Konzerten an vier Tagen statt.
Das Kunstlied war noch nie ein Kassenschlager; es lebt seit jeher mit einem kleinen, feinen Publikum. In der reizüberfluteten Gegenwart jedoch hat es die intime, Zeit und Muße verlangende Gattung immer schwerer. Aus Veranstaltersicht ist es daher verständlich, den „Neuland-Lied“-Schwerpunkt nicht mit kargen Klavierliedern, sondern im Großformat zu eröffnen: mit Gustav Mahlers „Lied von der Erde“, einem Zwitter zwischen Sinfonie und Orchesterlied.
In der Stadthalle, einem bräunlichen Jugendstilkoloss, bot die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz eine solide Interpretation, die durchaus mehr Präzision und Nuancenreichtum vertragen hätte. Die Solisten jedoch dürften dem Liedgesang kaum neue Freunde zugeführt haben. Toby Spences feiner, knabenhafter Tenor wurde vom Orchester überdeckt. Michelle DeYoung wiederum nuschelte und zog mit opernhafter Affektiertheit ihre Partie ins Sentimentale.
Als mustergültige Mahler-Interpretin erwies sich hingegen Annette Dasch, die eine Auswahl von Mahler-Liedern bot, spannungsreich begleitet vom Fauré Quartett. Bei Dasch saß jede Ausdrucksnuance. Die glückliche Verschmelzung von intellektueller Durchdringung, Gefühlsintensität und glasklarer Aussprache darf dem am Festival teilnehmenden Nachwuchs als Vorbild dienen.
Sechs jüngere Sängerinnen am Anfang der Profi-Karriere gestalteten einen ganztägigen Lied-Parcours in der holzgetäfelten Universitätsaula, einem atmosphärisch und akustisch dafür bestens geeigneten Saal.
In diesem „Divan of Song“ kombinierten die Sängerinnen, die aus verschiedenen Weltregionen stammen, deutsches Liedgut mit Gesängen aus ihrer Heimat; aus China, dem Iran oder Israel. Die aparte Programmidee dehnt das Repertoire und schlägt zugleich einen Bogen zum diesjährigen Festivalmotto „In der Fremde“.
Die halbstündigen Mini-Konzerte des „Divan of Song“ nahmen auf Besucher mit eingeschränkter Aufmerksamkeitsspanne Rücksicht. Anderswo wurde das Lied, wohl um die hermetische Gattung zugänglicher zu machen, durch andere Kunstformen erweitert.
So verbanden sich Lautenlieder des 17. Jahrhunderts mit den modernen Bewegungen zweier heftig tätowierter Tänzer zu einer Bühnenproduktion unter dem Titel „still“. Mirella Hagen sang die Lieder mit lieblichem, butterweichem Sopran. Die zarte Renaissance-Musik bräuchte jedoch einen intimeren Spielort als eine umgebaute Fabrikhalle.
Andere Veranstaltungen kombinierten Lieder mit Literatur, Videokunst oder Drama. Augenzwinkernde Verfremdungen hörte man von den „Erlkings“, die Schubert ins Englische übersetzen und mit Pop-Arrangements für Cello, Tuba und Schlagwerk versehen.
Die Erlkings begleiteten eine Brotzeit in einem historischen, stark hallenden Tanzlokal. Wenn da die Tuba scheppert wie die Mühle am rauschenden Bach, ist das ein Heidenspaß – von Schuberts feinen Stimmungsschattierungen bleibt freilich wenig übrig.
„Neuland.Lied“ offenbarte ein Dilemma der Veranstalter: Einerseits verkaufen sich traditionelle Liederabende schlecht. Peppt man die intime Gattung jedoch mit äußerlichen Elementen auf, gibt man ihr vielleicht erst recht den Todesstoß. Zu bewundern sind jedenfalls der Mut mit denen der Heidelberger Frühling in diesem heiklen Feld experimentiert.
Fest steht: Wer selbst singt, findet leichter Zugang zum Kunstlied. Daher veranstaltete das Festival die Mitmach-Aktion „Heidelberg singt!“. Beim Stadtspaziergang am Palmsonntag erlebte man Rockmusik in der Fußgängerzone, einen Gesangsgottesdienst, französische Lieder in einer Galerie oder Schulchöre auf dem Marktplatz. An diesem Tag war Heidelberg wirklich ein Zentrum des Liedes.

Der Heidelberger Frühling läuft bis 29. April. Gustav Mahlers „Wunderhorn“-Orchesterlieder erklingen am 22. April (19:30 Uhr, Stadthalle Heidelberg) in einer eigenwilligen Bearbeitung von Uri Caine.
www.heidelberger-fruehling.de


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