Haydns komische Oper Orlando Paladino an der Bayerischen Staatsoper

Ritter von der komischen Gestalt

Die zweite Münchner Opernfestspiel-Premiere der Bayerischen Staatsoper (Werbelink) bietet mit Haydns „Orlando Paladino“ ein hintersinnig komisches Juwel und begeistert szenisch wie musikalisch

Von Klaus Kalchschmid

(München, 23. Juli 2018) Den ganzen Abend hat der Betreiber eines alten Programmkinos ins Geschehen eingegriffen, um seinen Lieblingsfilm „Medoro & Angelica“, den er tagtäglich jahraus jahrein zeigte, im Director’s Cut vorführen zu können. Wenn das Geschehen vor dem plötzlichen „Lieto fine“, also dem Happy Ending, noch einmal wie schon so oft eine dramatische Wendung zu nehmen scheint, sehen die Sänger|innen einen Stummfilm in Schwarzweiß auf kleiner Leinwand mit sich selbst als Protagonisten und vertonen ihn quasi live. Das ist der Höhepunkt eines Abends, an dem immer wieder Film und vermeintliche Realität ineinander greifen, sich kommentieren oder konterkarieren.

Die stumm agierenden Schauspieler Gabi Herz und Heiko Pinkowski als Hausmeister/Filmvorführer-Ehepaar mit einer die Popkorn-Maschine bedienenden Tochter, die zur Zauberin Alcina mutiert, sind mehr als Statisten. Denn Heiko ist der heillos in seine Filme – und in Sarazenen-Ritter Rodomonte – verliebte Betreiber eines alten Programm-Kinos, dessen Äußeres und Inneres den immer mehr sich auflösenden Einheitsschauplatz bilden für virtuose Überblendungen von Film und real Gespieltem (Bühne und Kostüme: Falko Herold). Wenn Regisseur Axel Ranisch sein Alter Ego, den Herrn Pinkowski, Rodomonte und Orlando – beide gefesselt und mit verbundenen Augen – zunächst erfolgreich, dann doch vergeblich zärtlich zueinander bringen will (was uns eine Film-Szene an einem See zeigt), dann hat das großen Charme und setzt einmal mehr der ohne stringente Handlung die Gefühlszustände der Figuren ausstellenden Partitur die richtigen Überblendungen entgegen. Der ungemein liebe- und fantasievoll spielerische Umgang von (Film-)Regisseur Axel Ranisch („Ich fühl mich Disco“) schlägt wunderbare Funken aus dem wilden Mix aus gestelztem Drama, echter Gefühlsverwirrung und praller Situationskomik in Haydns einst erfolgreichster Oper, diesem „Dramma Eroicomico“.

Der musikalische Witz, mit dem Haydn oft seine Symphonien würzte, schlägt auch in der 1782, also ein Jahr nach Mozarts „Idomeneo“ uraufgeführten Oper und ihrer zauberhaften Musik, die beim mehrfachen Hören nur noch größere Reize offenbart, immer wieder durch. Sie wurde vom Münchener Kammerorchester, das mit dem Repertoire der Wiener Klassik stets überzeugt und über mehrere Spielzeiten einen Haydn-Symphonien-Zyklus programmiert hat, unter Ivor Bolton mit viel Eleganz und Verve realisiert. Rodomonte (verkörpert von Edwin Crossley-Mercer) stelzt stets lautstark säbelrasselnd, dabei mit ebenso attraktivem Oberkörper wie sattem, schönem Bariton ausgestattet, über die Bühne und hechelt dem Kreuzritter Orlando hinterher, Medoro schmachtet in Gestalt von Dovlet Nurgeldiyev herrlich tenoral seine Angelica (mit leuchtend intensivem Sopran: Adela Zaharia) an, ist mit seiner Geliebten beständig auf der Flucht und legt ihr immer wieder dar, wie unmöglich und gefährdet ihre Liebe sei. Dabei sieht er aus wie ein weiß-güldener Prinz Tamino in einer 1950er Jahre-Inszenierung.

Beide ergehen sich wechselseitig und gemeinsam in den zartesten Lyrismen, weshalb man die Wiederholung der sterotypen Gefühlszustände kaum kritisieren mag. Der bis in gleißende Counter-Höhen aufstrebende Erz-Komödiant David Portillo als ebenso quirliger wie die Frauen verstehen wollender – und begehrender – Pasquale und Elena Sancho Pereg als seine angebetete, aber etwas zickige, nebenbei raumpflegende Eurilla mit leichtem, hohem lyischem Sopran sind ein wunderbares Buffo-Paar, Tara Erraught verzaubert als Magierin Alcina mit Mezzo-Pfeffer und lässt gleich bei ihrem ersten Auftritt eine Film-Rolle der leicht entflammbaren Nitro-Kopie von „Medoro & Angelica“ durchbrennen. Mathias Vidal deliriert als hitzig verliebter und schließlich wahnsinnig gewordener Orlando mit glühendem Tenor durchs Geschehen.

Nur schade, dass nach vier ausverkauften Festspiel-Vorstellungen diese rundum gelungene Produktion auf absehbare Zeit aus dem Spielplan verschwindet. Nach einer Reihe mehr oder minder szenisch missglückter Produktionen an der Bayerischen Staatsoper wäre das eine echte Perle, die es auf Samtkissen dauerhaft zu präsentieren gälte!

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