Hartmut Haenchen Köln

Schrecken des Lebens in bedrängter Zeit

Hartmut Haenchen Foto: Elisabeth Heinemann

Hartmut Haenchen beeindruckt mit Schostakowitschs Achter beim Gürzenich-Orchester
Von Christoph Zimmermann

(Köln, 10. Januar 2016) Innerhalb kürzester Zeit bekam man in der Kölner Philharmonie Franz Schuberts 5. Sinfonie (B-Dur, D 485) gleich zweimal zu hören- Das Concerto con moto Leipzig unter dem Aufsteiger Lorenzo Viotti (Sohn Marcello Viottis) spielte in seiner relativ kleinen Besetzung das Werk naturgemäß schlank in Klang. In normaler Größe trat drei Tage später das von Hartmut Haenchen geleitete Gürzenich-Orchester an. Da entstand ganz automatisch mehr Volumen, eine stärkere sinfonische Breite.
Obwohl auch Viotti keine explizit kammermusikalische Widergabe bot und Schuberts dramatisches Potential nachdrücklich herausstrich, besaß Haenchens Interpretation so etwas wie Breitwandformat, und die nach oben schießenden Tonleiterpassagen der Violinen im Moll-Teil des Finalsatzes wirkten geradezu wie Raketenstarts. Dennoch vermied es der Dirigent, die Musik mit Ballast zu beschweren, unterstrich Filigranes wo immer möglich.
Das Werk war beim Gürzenich-Orchester übrigens längst wieder einmal fällig, liegt die letzte Aufführung (unter Rudolf Barschai) doch schon zwei Jahrzehnte zurück. Noch schöner wäre es gewesen, wenn statt der relativ populären „Fünften“ eine andere von Schuberts Jugend-Sinfonien erklungen wäre. Sie stehen – eine vergleichbare Situation gibt es bei Mozart und Mendelssohn – nach wie vor im Schatten der Spätwerke und werden an diesen auch meist wertmindernd gemessen, zu Unrecht.
Ein Etikett muss der achten Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch (c-Moll, opus 65) erst gar nicht verpasst werden, damit der Zuhörer spürt, dass hinter der Musik dieses Werkes Abgründe lauern. Das trifft auch dort zu, wo mit plakativem Dur-Pathos der verordneten patriotischen Ideologie des kommunistischen Regimes (scheinbar) entsprochen wird. Nicht immer hat der notgedrungen mit äußerster Vorsicht taktierende Komponist den politischen Wahrheitsgehalt seiner Musik so offen dargelegt wie in einem Gespräch mit dem Dirigenten Kurt Sanderling. Ihm gestand er, mit seiner Musik den „Schrecken des Lebens eines Intellektuellen in der damaligen Zeit“ darstellen zu wollen.
Die achte Sinfonie lässt das nachgerade körperhaft spüren. Bereits über dem Beginn mit seinen düsteren, lastenden Klängen, denen sich immer wieder „Schmerzensschreie“ entringen, liegt ein Moment des Schauders, der Beklemmung. Dieser Eindruck wird zunehmend verstärkt und verflüchtigt sich auch nicht angesichts eines ausgedehnten, über dem Tremolo der Streicher aufblühenden Englischhorns-Solos oder einer Cello-Passage im Tempo à la Valse. Der lange Morendo-Ausklang des Finales zieht mit seinem Dur zwar nicht wirklich in eine Verzweiflungsatmosphäre hinein, doch lässt er das Herz stocken, sät unterschwellig Zweifel und Unsicherheit.
Dass Hartmut Haenchen Schostakowitschs Werk so überzeugend erlebbar machte, mag ein wenig mit seiner Biografie zusammenhängen. Hatte Schostakowitsch Schwierigkeiten mit dem Kreml-Regime, so Haenchen mit den DDR-Oberen. Er wurde gegängelt, durfte erst 1986 als „Selbstfreikäufer“ seine Heimat in Richtung Niederlande verlassen und wurde selbst da noch von der Stasi bespitzelt. Nachzulesen ist das in seinem Buch „Werktreue und Interpretation. Summe und Fazit eines reflektierenden Dirigenten“. Neben biografischen Notizen enthält diese Edition dem Titel entsprechend natürlich vor allem künstlerische Reflexionen, Bekenntnisse zur persönlichen Wahrheitsfindung im Bereich der Musik. Dass er mit seiner Akribie mitunter als „unbequemer Dirigent“ empfunden wurde, nimmt Hartmut übrigens Haenchen gerne in Kauf.

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