Hartmann Simplicius Simplicissimus

Groteske als einzig mögliche Antwort

Das Radio Filharmonisch Orkest und sein neuer Chef im Probesaal vom Musiekcentrum Hilversum, der Heimat des Orchesters (Foto: Simon van Boxtel)

Markus Stenz bringt als neuer Chef des Radio Filharmonisch Orkest Karl Amadeus Hartmanns Oper "Simplicius Simplicissimus" zur holländischen Erstaufführung
(Amsterdam, 24. November 2012) Nicht kleckern, sondern klotzen will man mit der Kunst! Diesen Eindruck gewinnt man von Amsterdam. Jedenfalls wenn man an der Museumsmeile vorbeizieht. Vor einem Monat ist das Stedelijk Museum mit einem futuristischen Riesenflügel neu eröffnet worden. Die Außenwände, aus weißem, ultraleichtem Plastikmaterial hergestellt, das man für den Flugzeugbau verwendet, schwebt der Flügel in Badewannen-ähnlichen Umrissen neben dem roten Jugendstilbacksteinbau. Und ist natürlich angefüllt mit neu erworbenen zeitaktuellen Exponaten der Bildenden Kunst.
Keine 50 Meter Luftlinie gegenüber, im Concertgebouw Amsterdam, eröffnet das Niederländische Nationale Rundfunkorchester an diesem Samstag seine neue Konzertsaison. Und fast wäre es dazu nicht gekommen. Denn im Zuge der drakonischen Kultureinsparungen, die die letzte Minderheitenregierung im Hauruck-Verfahren der Öffentlichkeit präsentierte, geriet die Orchesterlandschaft in Holland massiv unter Druck. Alle Klangkörper des niederländischen Radios und auch ihre Arbeitsstätte, das ultramoderne Musiekcentrum van de Omroep in Hilversum mit Proberäumen, Aufnahmestudios und Bibliothek- und Notenarchiven sollten abgewickelt werden. Ein Schrei ging durch die Öffentlichkeit. Mit intensiver Lobbyarbeit wurde zumindest das große Radioorchester und der Rundfunkchor gerettet. Das Kammerorchester und das Metropole Jazz Orchester werden von der holländischen Klangkarte verschwinden.
Das alles konnte der Kölner Generalmusikdirektor Markus Stenz ja im Traum nicht ahnen, als er im August 2010 den Vertrag für drei Spielzeiten ab 2012/13 unterschrieb. Und auch nicht, dass er mit einem etwas mehr als halbierten Budget von 14,4 Millionen Euro die erste Spielzeit bestreiten werden müsse. Aber Krawall schlagen ist nicht seine Sache, vielleicht, weil die Nutzlosigkeit medial ausgeschlachteter Debatten ja zur Genüge in Köln vorgeführt wird. Stenz ist lieber Zweckoptimist und blickt nach vorn. Das ist Künstlerleben! Ihm sind die Auftritte im akustisch fantastischen Amsterdamer Concertgebouw etwas wert, sagt er augenzwinkernd in einem Interview nach dem Konzert. Dirigenten würden Morde begehen, um dort auftreten zu können!
Mit seinem Antrittskonzert im Rahmen der traditionellen Samstagsmatinee, wo das Radio Filharmonisch Orkest regelmäßig und nach dem Wegfall des Kammerorchesters noch häufiger auftreten wird, konnte er als neuer Chef jedenfalls gleich eine Großtat für sich verbuchen. Die längst überfällige konzertante holländische Erstaufführung von Karl Amadeus Hartmanns einzigem Bühnenwerk. "Simplicius Simplicissimus" ist eine Antikriegsoper, es ist Bekenntnismusik. Ein Stück eigentlich ohne Handlung – daher für eine konzertante Aufführung auch geeignet -, das um so drastischere Zustandsbeschreibungen aus dem 30-jährigen Krieg liefert, von "Opfern barbarischen Tuns in Deutschland, das den Übeltätern gehört", so Karl Amadeus Hartmann wortwörtlich. Der "Allereinfältigste" – Simplicissimus – erlebt mordendes und brandschatzendes Militär (Landknechte) und hält am Ende den politischen Machthabern den Spiegel vor: Nur die Einfalt taugt zum Umgang mit der Gewalt!
Die drei Szenen, die Hartmann gemeinsam mit dem Dirigenten Hermann Scherchen aus dem barocken Roman von Johann Jakob von Grimmelshausen herausdestilliert und 1934/35 vertont, kommen verspätet zu Anerkennung. Aus Protest gegen den sich ausbreitenden Nationalsozialismus und die politisch immer unerträglicher werdende Lage gibt Hartmann ab 1933 keines seiner Werke in Deutschland mehr zur Aufführung frei. Erst 1948 erlebt "Simplicius Simplicissimus" seine konzertante Uraufführung beim Münchener Radio, dem Vorläufer des BR. Ein Jahr später geht die erste szenische Produktion in Köln über die Bühne. Später überarbeitet Hartmann sein Werk aber noch einmal, ergänzt die Fassungen um eine Ouvertüre und Zwischenspiele, wohl, um der herkömmlichen Länge eines Opernabends gerecht zu werden, womit er das Stück letztendlich noch sinfonischer gemacht hat. Außerdem merzt er allzu direkte Anspielungen auf das Naziregime aus. Etwa die Ansprache des Landsknecht mit "Herrn Wolf" – eine Anspielung auf Adolf Hitler, und eine von Simplicius verballhornte Anrede des Herrn Maphrodit, worauf der Hauptmann antwortet: "Woher wissen Sie, dass ich Hermann heiße?" Gemeint war Hermann Göring.
Diese Fassung, der Hartmann noch eine Schlussapotheose hinzu komponierte, kam in Amsterdam zur Aufführung. Und trotz der ausgemerzten Provokationen lieferte die kontrastreiche Musik Hartmanns noch genügend Zündstoff. Stenz reizte die extremen Dynamiken bereits in der Ouvertüre bis zum letzten aus. Wenn Hartmann bewusst in der Nazizeit für entartet erklärte Komponisten zitiert, arbeitete Stenz sich genüsslich an den Stilen ab: es hämmerte wie bei Prokofiev (die Ouvertüre ist Prokofiev gewidmet), es jagte wie bei Bartok, das Fagott zitiert die ersten Solotakte aus der "Sacre du Printemps"-Partitur, eine Trompete später die Melodie aus der "Geschichte vom Soldaten". Beim Tod des Einsiedlers, wo Simplicius Zuflucht findet, summt der Männerchor eine jüdische Melodie. Auch für die Juden ergreift Hartmann in dieser Partitur Partei. Zuvor war eine Choralmelodie aus der Johannespassion erklungen. Die damit in Erinnerung gerufenen Worte "Wer hat dich so geschlagen…?" verstärken die Schilderung eines Dorfes, das mit Mann und Maus grausamst ausgelöscht wird.
Der barocke Sprachduktus schafft übrigens keine Distanz. Er macht einiges sogar drastischer, worauf das Groteske als Stilmittel die einzig mögliche Antwort sein kann. Verzerrte Marschmusik und gestelzte Tänze machen die Sinnlosigkeit von Kriegszuständen zusätzlich ohrenfällig. Traurig-schöne Soli der Solo-Bratschistin, des -Cellisten oder des -Kontrabassisten zeigten, dass das Orchester hervorragende Solisten zu bieten hat. Und auch das Sängerteam trug natürlich mit zu dieser qualitativ hochkarätig Aufführung bei: Juliane Banse als naiv-kindlicher Simplicius war erstklassig besetzt. Ashley Holland präsentierte einen polternden Landsknecht. Will Hartmann als Einsiedler verstand sich auf den psalmodierenden Gebetston. Peter Marsh war ein listig-lüsterner Gouverneur. Nüchtern verlas der Sprecher Harry Peeters die Kriegsnachrichten über Menschenverluste und rezitierte von Andreas Gryphius "Tränen des Vaterlandes".
In einer Tumultfuge endet das Stück. Betroffenheit, Schweigen, dann lang anhaltender Applaus für den neuen Chef, aber auch für die Solisten und vor allem den Chor und das Orchester, die Überlebenden eines absurden Kulturkahlschlags. Dieser Samstag war ein Bürgervotum für die klingende Kunst!
Sabine Weber

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