Hartmann Gedenkkonzert

Hartmann-Gedenkkonzert: Verteidigung des Humanismus

Karl Amadeus Hartmann Foto: Hartmann-Gesellschaft e.V.

Münchner Konzert zum 50. Todestags von Karl Amadeus Hartmann mit Ingolf Turban und Eduard Brunner unter der Leitung von Andreas Hérm Baumgartner
Von Robert Jungwirth
(München, 5. Dezember 2013) Gäbe es nicht das besondere Engagement des Dirigenten Andreas Hérm Baumgartner, viel wäre zum 50. Todestags Karl Amadeus Hartmanns wohl nicht in seiner Geburts- und Heimatstadt München passiert. Zusammen mit der Hartmann-Gesellschaft e.V. organisierte Baumgartner übers Jahr hinweg eine ganze Reihe von Konzerten, Vorträgen und Lesungen als Hommage an den bedeutenden und trotzdem leider immer wieder etwas in Vergessenheit geratenden Komponisten, dessen Schaffen so eng mit der dunklen Zeit des Nationalsozialismus verbunden war und das auf ganz eigene, tiefempfundene Weise dieses fürchterliche Kapitel deutscher Geschichte reflektiert. Davon ausgenommen sind lediglich die noch „sorglosen“ Stücke aus den 20er Jahren, die voll spielerischen Charme und Witz stecken und das enorme musikalische Talent des jungen Hartmann offenbaren. Es hätte der Stadt München wahrlich nicht schlecht zu Gesicht gestanden, wenn eines der großen Orchester in diesem Jahr einen Hartmann-Zyklus mit seinen Symphonien programmiert hätte…
Ironie der Geschichte: Das Abschlusskonzert der Reihe am Todestag Hartmanns fand an einem Ort statt, der wie kaum ein zweiter in München mit dem Nationalsozialismus in Verbindung steht: die Musikhochschule, das ehemalige Parteigebäude der Nazis. Auf dem Balkon des Hauses standen Hitler und Mussolini und feierten das „Münchner Abkommen“. Das Foto ist eines der berühmtesten der gesamten Nazi-Zeit. Immerhin entsteht jetzt gerade in unmittelbarer Nachbarschaft endlich eine Dokumentationsstätte zur Nazi-Zeit in München. Der Bau ist kurz vor seiner Vollendung.
Hartmann hatte sich als entschiedener Gegner der Nazis mit deren Machtergreifung bekanntermaßen vollständig aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen und sich in „innerer Emigration“ in seine Arbeit eingegraben und fortan nur mehr für die Schublade komponiert. Erst nach Kriegsende war die Zeit gekommen, die Werke daraus hervorzuholen. Und auch dann verging noch einige Zeit, bis dem Komponisten die gebührende öffentliche Anerkennung zu Teil wurde.
Das Gedenkkonzert im großen Saal der Musikhochschule kombinierte zwei Stücke Hartmanns mit Werken des in Theresienstadt inhaftierten und 1944 in Auschwitz umgekommenen Gideon Klein, dem Orchesterstück „fin al punto“ von Wilhelm Killmayer und der Orchester-Bearbeitung des Assai Lento-Satzes von Ludwig van Beethovens Streichquartett Nr. 16 F-Dur, op. 135. Ein bemerkenswertes Programm, das vielfältige Beziehungen der Werke untereinander auf unterschiedlichen Ebenen und in verschiedenen Kontexten herstellte.
Dabei ging man vom Erschütterndsten aus, dem kurz vor seiner Deportation von Theresienstadt nach Auschwitz komponierten Trio für Violine, Viola und Cello von Gideon Klein, das Vojtech Saudek 1990 rekonstruierte und für Streichorchester bearbeitete. Wie sollte es anders sein, ist der zweite Satz (Lento) ein Dokument der Trauer und Hoffnungslosigkeit, dem in den beiden Rahmensätzen aber doch Elemente der Hoffnung oder zumindest der Erinnerung an eine bessere Zeit beigemischt sind. Das darauffolgende berühmte Concerto funebre für Solo-Violine und Streichorchester von Karl Amadeus Hartmann, entstanden im Herbst 1939, ist ein früher Trauergesang auf das, was in den Jahren bis 1945 noch kommen sollte – auch wenn Hartmann zu dieser Zeit freilich noch nicht wissen konnte, dass man Juden – darunter auch Komponisten-Kollegen wie Gideon Klein – systematisch und millionenfach umbringen würde. Aber Hartmann wusste bereits zu diesem Zeitpunkt genug, um zu trauern, um all das Positive, das bereits aus seiner Gegenwart in Deutschland gewichen, vertrieben, zerstört worden war. Dabei wollte der Komponist, wie er schrieb, „der damaligen Aussichtslosigkeit für das Geistige“ in den beiden Chorälen am Anfang und am Ende einen „Ausdruck der Zuversicht“ entgegenstellen. Am vorherrschenden Gefühl der Trauer in diesem „düsteren Konzerts“ ändert das freilich nichts. Ingolf Turban spielte den Solopart mit großartiger Klanglichkeit und Empfindungstiefe, aber auch souveräner Virtuosität, konzentriert begleitet von „seinem“ Kammerorchester, den Virtuosi di Paganini, die das gesamte Programm bestritten – kundig und versiert geleitet von Andreas Hérm Baumgartner.
In seinem Kammerkonzert für Klarinette, Streichquartett und Streichorchester von 1930/35 nahm Hartmann noch deutlich ungetrübter Bezug auf vielfältige jüdische Musik und Spielweisen – wenngleich auch dieses Stück als bewusstes Statement für das Judentum in bedrängter Zeit als Bestandteil der deutschen Kultur gelten darf. Natürlich ist die Wahl der Klarinette in diesem Kontext auch der Bedeutung des Instruments für die jüdische Volksmusik geschuldet. Tänzerische Lebensfreude wechselt sich ab mit wehmütigen Passagen. Der Klarinettist Eduard Brunner fand dafür einen wunderbar zurückgenommen Duktus, der freilich den virtuosen Passagen nichts schuldig blieb.
Der von Hartmann verteidigte Bereich des Geistigen (in der Kunst), er klingt auch in Wilhelm Killmayers konzentrierter Musiksprache immer wieder an. So in seinem „fin al punto“ für Streichorchester von 1970. Ein bemerkenswertes Stück, dessen Poesie der Zurücknahme und Konzentration enorme  Spannungsmomente kriert – es verdient unbedingt eine größere Bekanntheit. 1955 hatte Hartmann Killmayer erstmals eingeladen, mit einem Werk bei der von ihm gegründeten und geleiteten Konzertreihe für Neue Musik beim Bayerischen Rundfunks, musica viva, vertreten zu sein.
Beethovens Streichquartettsatz lieferte als Abschluss die Verbindung zum Geist des Humanismus in der Aufklärung. Es lohnt sich auch heute darüber nachzudenken, wo Aufklärung wieder nottut…Die Ideale des Humanismus sind jedenfalls keine Selbstläufer, sie müssen in jeder Generation aufs Neue gegen Ressentiments, Egoismus und Gleichgültigkeit verteidigt werden.
Weitere Informationen:
0 Kommentare/von
0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.