Harnoncourt es ging immer um Musik

Kunst ist immer oppositionell

Ein lesenswerter Blick auf den Dirigenten Nikolaus Harnoncourt in Interviews aus zwei Jahrzehnten
Von Robert Jungwirth

(März 2015) „Kunst ist meiner Meinung nach immer oppositionell, Abweichung vom Gewohnten und Provokation. Der Künstler findet sich nie als purer Lobredner.“ Nikolaus Harnoncourt, von dem dieses Zitat stammt, befand sich selbst lange Zeit in Opposition zum herrschenden Musikbetrieb, zu einer Zeit, als die historische Aufführungspraxis, für die er sich seit den frühen 50er Jahren engagiert, noch keineswegs eine so breite Zustimmung fand wie heute. Beirren ließ Harnoncourt sich von seiner Außenseiterrolle nie, denn Opposition ist für den Musiker nichts Schlechtes – im Gegenteil. „Für mich hat Widerspruch ja keinen negativen Beigeschmack, sondern damit wird ein Ergebnis gesucht. Ich kann ja überhaupt nur zu einem Ergebnis kommen, wenn ich eine Gegenmeinung habe.“

Wer die über einen Zeitraum von etwa 20 Jahren entstandenen Interviews mit Harnoncourt, die der Gesprächsband „Nikolaus Harnoncourt…es ging immer um Musik“ vereint, liest, stellt fest, dass sich Einstellungen und Sichtweisen des Dirigenten im Lauf der Zeit kaum verändert haben. Im Zentrum seines Denkens als Musiker stand und steht die Absicht, den Kompositionen vergangener Jahrhunderte in den Aufführungen jene Unmittelbarkeit des Ausdrucks zu teil werden zu lassen, die sie zur Zeit ihrer Entstehung hatten. Wobei Harnoncourt natürlich sehr wohl weiß, dass das Wissen über die Aufführungspraxis der Entstehungszeit der Werke immer nur ein Annäherungswert sein kann. Zentral sind die immer wieder aufs Neue stattfindende intensive Befragung und Beschäftigung mit dem Notenmaterial und den Zeitquellen – auch bei Werken, die er seit Jahrzehnten dirigiert. Deshalb ist Harnoncourt in seinem musikalischen Tun auch kein Dogmatiker, wie manche es ihm unterstellen. Die historische Aufführungspraxis ist für ihn kein Dogma, weshalb er ja auch mit traditionellen Symphonieorchestern zusammenarbeitet.

Die „Sprachlichkeit“ von Musik ist eine zentrale Vokabel in Harnoncourts musikalischem Denken. Musik ist für ihn Sprache, und deshalb sei es auch so wichtig, dass Menschen von früh an diese Sprache erlernten. Wie Kent Nagano in seinem jüngst erschienenen Buch „Erwarten Sie Wunder“ plädiert auch Harnoncourt immer wieder mit Nachdruck für die Rehabilitierung der musischen Bildung, die wesentlich für den Menschen sei – auch wenn dies heutzutage in Vergessenheit zu geraten scheint. „Musil schreibt in seinem Mann ohne Eigenschaften auf die Frage ‚Was bleibt von Kunst?‘: ‚Wir, als Veränderte, bleiben‘. Das finde ich ganz toll. Es geht niemand unverändert aus der Berührung mit Kunst hervor, oder er ist nicht in Berührung gekommen.“

Es sind pointierte Statements wie dieses, die das Buch mit Interviews mit Nikolaus Harnoncourt so lesenswert machen – auch wenn die Fragen von ganz verschiedenen Journalisten und Medien durchaus von unterschiedlicher Güte sind, wenn er etwa gefragt wird, wann er denn nun in Rente gehe.

Wie in der Musik so ist auch Harnoncourt im Reden stets molto espressivo und setzt gerne scharfe Akzente. Es hat sich schon immer gelohnt, sich mit Harnoncourts kenntnisreichen Gedanken über Musik auseinander zu setzen. Dieses Gesprächsbuch hat gegenüber den ausformulierten Büchern über Musik den Vorteil der leichteren Zugänglichkeit und Unmittelbarkeit. Schade nur, dass der Verlag die Redundanzen in den Gesprächen nicht eliminiert hat. Das schränkt das Lesevergnügen zum Teil etwas ein.

Harnoncourt: „…es ging immer um Musik“
Residenz Verlag, 318 Seiten, 24,90 Euro.

[zur nächsten Buch-Rezension]

 

 


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.