Hänsel und Gretel

Kinderstuben-Weihfestspiel

Foto: Ludwig Koerfer

Engelbert Humperdincks "Hänsel und Gretel" feierte im Theater Aachen einen Publikumserfolg
(Aachen, 4. November 2012) Kinderarmut in Hartz-IV-Zeiten hat nichts Märchenhaftes. In Deutschland sind die Kinder allerdings weniger von Hunger bedroht, als dass sie aufgrund schlechter Ernährung und zu wenig Bewegung an Überfettung leiden. Realitätsbezug ist in Engelbert Humperdincks Märchenspiel in drei Bildern "Hänsel und Gretel" auch nicht wirklich gefragt. Hier sind romantische Träume einer verlorenen Welt und Wunschdenken angesagt, in der die Schwachen – die Kinder – eine Chance bekommen und die Liebe die Familie vereint. Deshalb ist diese Oper immer wieder ein Publikumsrenner. Die Geschichte von den Notleidenden und hungernden Geschwistern, die Volkslieder singend im Wald auf Sandmann, Taumann und dann die Kinder fressende Hexe treffen, die nach einer Hexenrittnummer, gerne mit Schornsteinflug, im Backofen erledigt wird und von den Eltern wieder gefunden und in die Arme geschlossen werden. Wer möchte da noch fragen, ob die Kinder danach auch aus der Armutsfalle befreit sind?
Das mit einer gewissen Regelmäßigkeit zur Weihnachtszeit aufgelegte Waldmärchen aus dem vorletzten Jahrhundert füllt auch im industriell geprägten NRW die Theaterhäuser. In der Oper am Rhein (Düsseldorf/ Duisburg) wird sogar immer wieder eine 40 Jahre alte Inszenierung von Andreas Meyer-Hanno ausgegraben. Sie habe Kultstatus! Mit surrealistischen Bühnenbilder à la Max-Ernst experimentierte einmal das Theater Hagen (Bühnenbild Jan Bammers). Im Theater im Revier war man vor zwei Jahren waghalsig. In Gelsenkirchen tanzten eine schrille Gretel Langstrumpf mit Hans Punk (oder Max und Moritz?) durch einen Messerwald und wurden in der Traumpantomime von den 14 Notheiligen heimgesucht. (Inszenierung und Bühne Michiel Dijkema). Im Schauspiel Köln spaltete das Stück die Geister – in einer von dem Tenor Christoph Homberger und dem Schauspieler Wim Opbrouck verfremdeten Singspielfassung. Nicht nur Humperdincks Volkslieder, auch eine Auswahl von Johannes Brahms und Felix Mendelssohn-Bartholdy und Hits der Comedian Harmonists wurden mit Hammondorgel-Begleitung, Fender Rhodes und Synthesizerklängen verquirlt. Statt Waldhexe im Knusperhaus gab es hungrige Arbeiter am Fließband in einer Plätzchenfabrik! Im nächsten Jahr soll das Geschwisterpaar dann gefährlich aufgerüstet werden. Die Paramountstudios haben einen blutrünstigen Kinofilm angekündigt: mit Hänsel & Gretel als brutale Hightech-Hexenjäger!
Am Theater in Aachen hält man bei der aktuellen "Hänsel und Gretel"-Inszenierung von Ewa Teilmans nichts von Hexenjagden dieser Art. Gott sei Dank, möchte man angesichts solcher Ankündigungen sagen, sind fantasievolle Märchenbilder angesagt. Im Westen Deutschlands, im Dreiländereck, soll zudem die Familie auf ihre Kosten kommen: Humperdincks Oper ist ja nicht nur ein Familiendrama, sondern auch von der Entstehungsgeschichte her ein Familienstück. Die Schwester Humperdincks, Adelheid Wette, verfasste ohne weitere Hintergedanken das Textbuch für eine private Theateraufführung. Die sollte zu Hause stattfinden. Der Bruder wurde gebeten, ein paar Liedchen dazu zu schreiben. Das von ihm scherzhaft als "Kinderstuben-Weihfestspiel" bezeichnete Stück, regte Humperdinck später zu dieser Oper an. Es sollte der einzige nachhaltige Bühnenerfolg des Wagnerschülers bleiben.
Einen Publikumserfolg verbuchte das Stück mit moderatem Realitätsbezug jetzt im Theater in Aachen. Im ersten Bild tanzen und toben ein rothaariger Hänsel in sportlicher Outdoor-Bermuda und Trainingsjacke und eine Gretel im Hängerchen mit Zöpfen in einer schrägen und verschobenen Bretterhütte, der leere Kühlschrank oben, schräg darunter ein Tisch. Über ein Bett auf dem Schrank geht es nach unten. Die Welt ist aus den Fugen geraten. Nachdem die Mutter in Putzschürze in einem verzweifelten Wutanfall auch noch den Milchtopf zerdeppert und die Kinder mit ihrem Putzeimer zum Beerensuchen in den Wald geschickt hat, dreht sich der Bretterverschlag auf der Bühne im Nebel und wird zu einem unheimlich dampfenden und bläulich schimmernden Bretterwald, in dem Gefahren lauern. Über allem ein Baumstumpf, der an die bemoosten Stümpfe im nahegelegenen Hohen Venn erinnert. Ein dickbäuchiger Sandmann schwebt in einem Kronleuchter im silbernen Barockkostüm ins Bild. Die Traumpantomime wird von weißgeschminkten und mit Flechten überzogenen Kindergeistern mit Geweihen auf dem Kopf gestaltet, die Elfenohren haben und seltsam mit den Fingern flackern. Sie schieben eine Tafel herein, die sie decken und auf die Hänsel und Gretel klettern, um sich den Magen voll zu stopfen. Clownesk und Puppenhaft wie der Sandmann wirkt dann wieder der Taumann, der nach der Pause in einer Badewanne herein fährt und akrobatisch auf ihr herumklettert. Die Kostüme und Requisiten hat Andreas Becker entworfen, ein ehemaliges Ensemblemitglied der "Augsburger Puppenkiste". Das Knusperhäuschen en miniature dreht sich beim Knusperwalzer zwischen den Kindern im Takt. Bis die Hexe als grelle Bäckermamsell einfällt, lockt, in einem Kuchenbuffet wütet, bis sie sich die pinke Perücke vom Kopf reißt und ihren bunten Reifrock abstreift. Entzaubert mit spärlichem Haarwuchs und Hängebrüsten wird sie von den cleveren Geschwistern in den Ofen bugsiert.
Die Sängerleistungen sind beachtlich, vor allem Camille Schnoor als Gretel, die von Maria Hilmes als Hänsel wunderbar ergänzt wird. Sanja Radisic nützt als Hexe Rosina Leckermaul ihren Auftritt zu einer vitalen Show, auch wenn sie stimmlich in der Tiefe ein bisschen kämpfen muss. Hrólfur Saemundsson ist ein volltönender und täppisch sympathisch agierender Peter Besenbinder. Unter der Regie von Ewa Teilmans sprüht das Ensemble vor Spiellust. Im Orchester kämpften die Streicher hier und da mit der Intonation. In den kammermusikalisch angelegten Stellen wackelte es schon einmal. Die Partitur ist trotz ihrer Volkstonnähe nicht zu unterschätzen. Richard Strauss, der Dirigent der Uraufführung 1893 in Weimar, schrieb an den befreundeten Komponisten und gab zu, dass die Partitur "verteufelt schwer" sei! Die vier Hörner, die mit dem berühmten Abendsegen gleich am Beginn der Ouvertüre einen exponierten Einsatz haben, erledigten ihren Part souverän. Und mit großem Schwung führte der seit dieser Spielzeit amtierende Generalmusikdirektor Kazem Abdullah das Orchester über die diversen Klippen ins Finale, wo die befreiten Lebkuchenkinder (Kinderchor Theater Aachen) freudestrahlender und überzeugter hätten klingen können. Aber das hat das Pathos mit katholischem Unterton sicherlich verkraftet. Die Worte "wenn die Not aufs höchste steigt, Gott der Herr sich gnädig zu uns neigt!" wirken, nachdem Hänsel und Gretel vollkommen allein gelassen sich gegen die Hexe zur Wehr gesetzt haben, irgendwie aufgesetzt! Aber diese Widersprüche nimmt man bei dieser Oper in Kauf.
Sabine Weber

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.