Hans Heiling

Opernkritik: Hans Heiling / Die Nase

Von Nasen und anderen Geistern

Michael Nagy als Hans Heiling Foto: Herwig Prammer

Selten gespielte Opern am Theater an der Wien: Heinrich Marschners "Hans Heiling" und Dmitri Schostakowitsch‘ "Die Nase"
Von Derek Weber

(Wien, September 2015) Die Operngeschichte kennt etliche Fehlstarts – Opern, die bei der Uraufführung durchfielen und es erst später zu einer gewissen Beliebtheit brachten. Und es gibt Werke, die eine fulminante Premiere hinlegten und später in Vergessenheit gerieten. Heinrich Marschners 1833 in Berlin uraufgeführte – nennen wir sie der Einfachheit halber und fälschlicherweise Geisteroper "Hans Heiling" zählt zur zweiten Kategorie: Der zum Chef der Unterwelt ausersehene König der Erdgeister, Hans Heiling (Michael Nagy), fühlt sich eher zu den Menschen, genauer zu einem jungen Mädchen namens Anna (jugendlich-kraftvoll: Katerina Tretyakova) hingezogen, das gern tanzt, Spaß hat und mit dem düsteren Außenseiter wenig anzufangen weiß. Dass das nicht gutgehen kann, ist klar. Es gibt einen Liebeskonkurrenten (einen Tenor namens Konrad, selbstbewußt gesungen von Peter Sonn. In der Bühnen-Umsetzung gibt es jede Menge Psychologie und Psychodrama.
Im Theater an der Wien hat sich der Intendant des Hauses Roland Geyer als Regisseur des Dramas angenommen. Flugs entsteht eine umgekehrt-ödipal angereicherte Geschichte: Hans Heiling wird zum von der Mutter abgerichteten und mißbrauchten Muttersöhnchen, dazu ausersehen, die schwache, ungefährliche Menschen-Anna zu heiraten und den Fehltritt der Mutter wieder zu korrigieren.Aber halt: Von Geisterwesen ist hier ja gar nicht die Rede. Die Mutter will den guten Hans einfach ungefährlich verheiraten, damit er weiter ihr Muttersöhnchen bleibt. Es entsteht eine Art trivialpsychologische Geschichte, mit guten und weniger gut gelungenen bzw. umgesetzten Ideen. So ist die Idee, die Geisterwesen als innere Stimmen sichtbar zu  machen, zwar nachvollziehbar, doch in der Umsetzung statisch und strapaziös. Und am Umgang mit der frühen romantischen Opernwelt und ihren Jungfrauen und Jägerburschen – musikalisch Arnold Schoenberg Chor – haben sich schon versiertere Regisseure die Zähne ausgebissen.  
Die Oper hat Längen, besonders im ersten Teil. Die dramaturgischen Schwächen des Plots werden nicht kaschiert. Nach der Pause hat das Stück mehr Stringenz. (Da ist auch die Musik stärker und es geht schon stark in Richtung Wagner.) Obwohl der natürlich mit dem "Fliegenden Holländer" den Typus des blassen Außenseiters stärker an- und ausgeleuchtet hat. Dennoch: Neben dem kraftvollen und doch lyrischen Hans Heiling von Michael Nagy nimmt die Mutter Annas (Stephanie Houtzeel) mit dramatischem Timbre für sich ein, während die Königin-Mutter (Angelika Denoke) zwar musikalisch auf der Höhe ist, aber ein wenig farblos bleibt.
Der Schoenberg-Chor singt beherzt; Konstantin Trinks dirigiert mit viel Gefühl diese Oper, die – wie Marschners ein paar Jahre zuvor entstandener "Vampir" – musikisch ein wenig "in between" angesiedelt ist.
Schostakowitschs "Nase"
In gewisser Weise "in between" ist auch die erste Oper von Dmitri Schostakowitsch. Diese aus ganz anderem Holz geschnitzte Oper steht nicht im Haupthaus, sondern in der konzerneigenen Kammeroper auf dem Spielplan: Die in den späten zwanziger Jahren entstandene und 1930 uraufgeführtere "Nase" (nach einer Erzählung von Nikolaj Gogol), ist ein überaus böses, freches und witziges Stück, bei dem einem aber das Lachen im Halse stecken bleibt. So ging es wohl auch Schostakowitsch selbst. "Heute spazieren so viele Nasen herum, daß man sich nur wundern kann", schrieb er sarkastisch.
Worum geht es? Der Petersburger Kollegienassesor Platon Kusmitsch Kowaljow wacht eines Tages auf und hat keine Nase mehr. Schlimmer noch, die Nase macht sich selbständig und spaziert schamlos durch die Stadt. Erst am Ende – nach einiger Unruhe und einem regelrechten Aufruhr landet sie wieder in Kowaljows Gesicht.
Der damals erst 22jährige Komponist mischte mit fast anarchistischer Freude und unverschämter Frechheit (und auf der Grundlage eines von Freunden bearbeiteten Librettos) alle nur denkbaren Stile durcheinander: große Oper, Kirchengesang, Folklore, Jazziges und eine Fuge, je nachdem, wie er´s grade braucht. Sogar eine richtig große Arie kommt vor, dann, dann nämlich, wenn Kowaljow im Anzeigenbüro einer Zeitung klagt, wie verzweifelt er ist.
Da braucht es einen Regisseur mit Esprit, Einfällen und wacher Phantasie, einen wie Matthias Oldag, der – als Fleißaufgabe nicht nur das Stück aus der Golgolzeit in die Sowjetunion der 1920er-Jahre versetzt, sondern auch Bezüge zur Jetztzeit herstellt.
Es stimmt jedoch nicht nur die Regie. Es wird darüber hinaus auch hervorragend gesungen. Das gilt insbesondere für den Kowaljow Marco di Sapias. Walter Kobera, der als Leiter der Neuen Oper Wien die künstlerische Gesamtleitung der Produktion innehat, verleiht der Musik das nötige Feuer. Eine rundum gelungene Produktion.

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