Hannigan und Hrusa zu Gast in Köln

Neoromantik trifft Spätromantik

Barbara Hannigan singt Hans Abrahamsens „Let me tell you“ mit den Bamberger Symphoniker unter Jakub Hrusa in Köln

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 20. Oktober 2018) Anton Bruckners vierte Sinfonie, die sogenannte „Romantische“, bildete nicht nur den monumentalen Ausklang beim Konzert der Bamberger Symphonikern unter ihrem Chefdirigenten Jakub Hrusa, sondern stand gewissermaßen auch als Motto über dem gesamten Abend in der Kölner Philharmonie. Harmoniert diese Behauptung mit dem ersten Werk des Abends, Hans Abrahamsens „Let me tell you“ für Sopran und Orchester? Durchaus, denn „schönere“ oder – wie es in einer Uraufführungs-Rezension hieß – „suggestivere“ Musik wurde in jüngster Zeit wohl kaum geschrieben.

Nun beruht das Vokalwerk des 1952 geborenen dänischen Komponisten auf einem Text der besonderen Art. In seiner Novelle „Let me tell you“ zerbröselte der auch als Musikpädagoge tätige Paul Griffith die annähernd 500 Worte von Ophelia (in Shakespeares „Hamlet“) zu einem verbalen Melting-Pot, aus welchem neue poetische Konstruktionen erwuchsen. Der letzte der drei Teile läßt die todessüchtige, von Wahnsinn getriebene Prinzessin den Weg in eine Schneelandschaft antreten, wobei die finalen Worte „Ich werde weitergehen“ ihrem Dramenschicksal eigentlich zuwider läuft. Aber Franz Schubert, auf dessen „Schöne Müllerin“ und vor allem „Winterreise“ sich Abrahamsen intentional beruft, schrieb bei der Komposition des letztgenannten Liederzyklus folgende Worte nieder: „Ein paar Schritte nur, und man ist hinüber. Ein Narr, wer glaubt, im Winter den Mai zu finden – oder im Leben das Glück.“ Solche Trostlosigkeit prägt auch das Schicksal Ophelias.

Daß „Let me tell you“ ein Werk aus jüngster Zeit ist, bleibt sicher spürbar. Aber die Musiksprache Abrahamsens wirkt ausgesprochen romantisch durchtränkt, bietet gläserne Klänge von harmonischem Zuschnitt, wenn sich etwa im sechsten Lied „I know you are there“ die Hörner dezidierte Terzpassagen erlauben. Ansonsten ergeht sich das Orchester hauptsächlich in hochliegenden, kühlen, irisierenden Tönungen, welche das abgehobene Gefühl Ophelias stimmig in Töne fassen.

Deren Nähe zum Wahnsinn spiegelt sich auch in den high notes des extrem anspruchsvollen Gesangsparts Die kanadische Sopranistin Barbara Hannigan, welcher „Let me tell you“ gewidmet ist und die am Entstehungsprozeß des Werkes aktiv teilnahm, hat dem Komponisten ihre vokalen Möglichkeiten zweifellos exakt dargelegt und dabei Extremes nicht ausgespart. Das hat Abrahamsen reichlich genutzt. Zwar merkt man Barbara Hannigans Gesang keine Überforderung an, spürt aber doch Grenzlagen ihrer lyrischen Stimme, welche sie sonst ja auch einer so verinnerlichten Figur wie Mélisande in Debussys Oper leiht. Man lauscht dem Vortrag der Sopranistin fasziniert und auf eine fast schon beklommene Weise.

Uraufgeführt wurde Hans Abrahamsen „Let me tell you“ vor fünf Jahren bei den Berliner Philharmonikern unter Andris Nelsons (es gibt Youtube-Aufzeichnungen vom Konzert und den Proben). Barbara Hannigan trug in Köln übrigens die gleiche lichtschimmernde Robe wie damals. Sie besitzt das alleinige Recht auf die Interpretation des Werkes noch bis zum Ende dieses Jahres. Köln erlebte das also zum letzten Male, sieht an davon ab, daß das Konzert zwei Tage später auch noch in Dortmund stattfand. Die Bamberger Symphoniker wurden unter dem sicher führenden, klangliche Details feinfühlig herausarbeitenden Jakub Hrusa der Individualität des Werkes einschränkungslos gerecht.

Für Anton Bruckner bedeutete die vierte Sinfonie einen Durchbruch bei Publikum und Presse. Auch ohne die inhaltlich erläuternden Satzüberschriften, welche der Komponist in einem Brief beiläufig entwarf, aber nie veröffentlichte, wird der Charakter seiner Musik verständlich: Naturrauschen zu Beginn, meditatives Andante, unzweifelhaft eine Jagd Im Scherzo und ein fortestrahlendes Finale, welches das Quintenmotiv des Anfangs nochmals aufnimmt.

Die Geschichte der Sinfonie war gleichwohl wechselvoll. Erst die 1881 uraufgeführte Zweitfassung sicherte dem Werk seinen bis heute andauernden Erfolg. Die Urversion erklang überhaupt erst 1975 (!) in Linz. Aber Ferdinand Loewe, ein Bruckner-Schüler, legte an das Werk seines Lehrers zuletzt nochmals Hand an, und diese Fassung erklang jetzt in der Kölner Philharmonie. Ein Hören ohne Noten vermag die Veränderungen notgedrungen nur partiell zu erfassen. Zu ihnen gehört eine musikalisch nicht ganz logisch erscheinende Unterbrechung im Scherzo sowie der Einsatz eines Beckens im Finale, über welchen auch bei der siebten Sinfonie immer noch gestritten wird.

Das Spiel der Bamberger Symphoniker geriet kompetent, war klanglich aber nicht in jedem Moment gänzlich ausgeglichen. Der (ausgezeichnete) Solohornist wirkte teilweise, vor allem bei den Pianissimo-Tremoli der Streicher zu Beginn, dynamisch um einige Grade zu dominant. Grundsätzlich jedoch hatte Jakub Hrusa die Architektur des Werkes voll und ganz im Griff, gab der Feierlichkeit der Musik den ihr gebührenden Raum. Einige Rubati wirkten allerdings leicht überzogen. Dennoch begeisterter Beifall hier wie auch nach dem Werk von Hans Abrahamsen.

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