Händel Messias 2007

Händel, drahtig muskulös

Der „Messias“ mit Bachchor und -Collegium in der Philharmonie im Gasteig
(München, 12. Mai 2007) Auch nach der Aufführung war es nicht ganz klar: Warum nun hat Hansjörg Albrecht für seine Aufführung von Händels „Messias“ mit dem Münchner Bachchor und dem Bach Collegium in der Philharmonie im Gasteig das Oratorium gekürzt und ihm dafür Sätze aus der „Wassermusik“ vorangestellt. Richtig, das wirkte wie eine vergrößerte Ouvertüre und wäre einem speziell festlichen Anlass angemessen gewesen. Aber man wusste ja auch nicht recht, warum der Messias gerade an diesem Freitag, lange nach Ostern und kurz vor Pfingsten, aufgeführt wurde. Das allgemeine Publikum war wohl ähnlich ratlos: die Sitzreihe des Riesensaals waren nur schütter besetzt. Schade, auch für die Veranstalter. Denn die, die nicht da waren und es leicht hätten sein können, haben eine lebendige, großformatige und im Nachklang intensive Aufführung verpasst.

Die etwas kuriose Kürzung betraf nur den dritten Teil des Messias, aus dem Albrecht das Duett „Death, where is thy sting“, den Chor „But thanks be to god“ und die Arie „If god be for us“ entfernt hat.  Damit hatte die von Händel gegenüber der Altistin unterbeschäftigte Sopranistin, Chen Reiss, leider noch eine Gelegenheit weniger, ihre hohe Kunst des Koloratursoprans vorzuführen. Sie war es nämlich, die das Solistenquartett (weiters Ann-Katrin Naidu, Donát Havár und Konrad Jarnot) anführte. Bei Reiss waren Technik und Ausdruck eines. Wie sie die Aufschwünge in der Arie „Rejoice greatly“ mit der Idee eines Erhoben-Werdes und des Glücks beseelte, das ließ den Zuhörer den Vorgang des Musizierens vergessen und rein darauf lauschen, was die Sängerin zu sagen hat. So mühelos, so bezwingend gelang das den anderen nicht. Obwohl auch sie mit schönen Stimmen aufwarten können, merkte man ihnen die Arbeit an der Partitur an.

In dem Gespann Bachchor und -Collegium ist das Orchester der Motor. Nie ein Zweifel an dessen Professionalität, im Gegenteil, immer wieder Höchstleistungen, die aufhorchen lassen: hier die Trompeter, da die phänomenal agile Paukerin, da die Geigengruppe oder die schier unerschütterliche Generalbassgruppe. Beeindruckend auch, wie selbstverständlich das vibratoarme, schlanke Tonideal zum Klingen bringen.
In dieser Richtung arbeitet Albrecht auch am Chor. Insgesamt gelingt das gut, die Stimmgruppen haben Profil, kommen charaktervoll zum Tragen und haben keine Schwierigkeiten auch bei schnelleren Tempi. Albrecht macht Aufführungspraxis im großen Klangformat. Aber im Kern ist der Klang noch heterogen. Im Tenor fehlt es etwas an Schmelz und Strahl, im Bass an Schwärze. Auch hier weisen die Sopranistinnen den Weg: ihnen machen weder Koloraturen noch Spitzentöne Mühe. Den Sopran zu perfektionieren ist eine gute Strategie, sind doch die Beiträge dieser Gruppe meist die exponierten.

Unter der Leitung von Albrecht sind Bachchor und -Collegium sicher auf dem Boden der historisch informierten Aufführungspraxis angekommen. Händel profitiert davon noch deutlicher als Bach. Seine Musik ist tänzerischer, extrovertierter, sie will mehr Aufsehen erregen als Innigkeit erzeugen. Klar, Händel war auch der Opernmensch. Seine Musik wirkt körperlicher als die Bachs und will daher auch musikantischer vorgebracht werden. Albrecht und seinen Musikerinnen und Musikern gelang das mit Schwung, mit fester Betonung der „eins“, mit Transparenz, mit sicher gehandhabten An- und Abschwellenlassen der Töne. Ein drahtig muskulöser Händel war das, dabei voluminös-kraftvoll im Auftritt, der auch die lyrischen Momente (etwa die Bassarie „The People that walked“ oder das Duett „He shall feed his flock“) auf hohem Spannungsniveau hielt.
Laszlo Molnar

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