Hamburger Parsifal

Der Tor im Wunderland

Der Hamburger Parsifal der beiden Theaterzauberer Kent Nagano und Achim Freyer

Von Bernd Feuchtner

(Hamburg, 24. September 2017) Das Licht im Saal ist noch an, und dennoch jagen die Sehnsuchtsklänge des Vorspiels dem Zuhörer Schauer über die Haut. Ein Abend der ausgehaltenen Widersprüche. Kent Nagano analysiert die Musik und entfaltet gleichzeitig ihre Sinnlichkeit. Achim Freyer wirft dazu Begriffe auf den Schleier wie „Schwarz, schwer, Traum, Schlaf, Fluch, Gott“ und setzt dahinter eine szenische Himmelsmechanik in Gang. Die Gesichter der Sänger sind so stark übermalt, dass keinerlei individuelle Mimik erkennbar ist, aber aus ihren Mündern strömt der allermenschlichste Ausdruck. Dies ist deutlich kein die Köpfe benebelndes Weihfestspiel, sondern eine Aufführung für mündige Bürger.

Kwangchul Youns Gurnemanz erinnert mit seinem schief sitzenden Auge an den Hogwarts-Professor Moody mit seinem spinning eye, den Lehrer gegen die dunklen Künste; zudem trägt er auf seinem Kopf das Modell dieser Welt, die Spirale, samt einem zweiten Kopf. Der fabelhafte Bassist versucht beständig aufzuklären, ohne indes das Verhängnis aufhalten zu können, das er vorhergesehen hat und zugleich beobachtet – daher die hängenden Mundwinkel. Dahinter sehen wir auf den Ebenen jener Weltspirale die schwarzen Gestalten der Gralsritter bei den verschiedensten Verrichtungen. Generationen von Weltrettern haben hier ihre Grafitti hinterlassen, darunter Hammer und Sichel ebenso wie eine nackte Frau. Denn darum geht es ja wieder, genau wie im „Tannhäuser“, um das Sexverbot zugunsten der männlichen Pflicht. Daraus entsteht die Not, von der nicht nur Gurnemanz, sondern auch Klingsor spricht, der Antrieb der Sehnsuchtsmaschine. Und die verschlingt viel verbalen Treibstoff: „in heilig ernster Nacht“, „des Heilands selige Boten“, „das Weihgefäß, die heilig edle Schale“, „der Zeugengüter höchstes Wundergut“, „dem Heiltum baute er das Heiligtum“.

Bei der Verwandlung („Hier wird zum Raum die Zeit“) senkt sich ein eckiges Gestell herab, das man auch für den Umriss eines Kristalls halten könnte, und zum Abendmahl versammeln sich die Ritter auf den verschiedenen Höhen der Spirale. Titurel sitzt dort oben, eine Gestalt aus abgelebter Zeit im Rollstuhl, den Kopf schwer von der Krone des Emeritus. Nie werde ich vergessen, dass die Schreie der Kundry und der Grabesbass des Titurel es waren, die mich am meisten schockierten, als ich im Radio meinen ersten „Parsifal“ hörte; hier ist Tigran Martirossian nur noch sterbensmatt und keine Gefahr für seinen ungehorsamen Sohn Amfortas. Und das Gralswunder? Da geht Alice durchs Wunderland, mit leuchtendem weißen Rock und ihrem Kaninchen im Arm.

Andreas Schagers Parsifal wurde ein Dauergrinsen ins Gesicht gemalt; wie Siegfried weiß dieser Strubbelkopf nichts von der Welt und wird gleich unschuldig schuldig, indem er sich mit dem Mord an dem Schwan einführt – ein blutrotes Bündel fällt vom Himmel. Bei der Klage des leidenden Gralskönigs Amfortas breitet es sich auf dem Boden aus und Parsifal wickelt sich darin ein. Frisch und kernig singt Schager den reinen Toren, dabei mit vorbildlicher Textverständlichkeit. Parsifals Texte sind ja noch am wenigsten verschwiemelt – wie immer stören die Übertitel mehr als dass sie helfen, denn so genau will man gar nicht wissen, was da gesungen wird. Auch Schagers Spiel ist leicht und präzise; Parsifal scheint zur Marionette zu taugen und handelt dann unvermutet doch autonom. Am Ende nimmt er die Pose des Atlas ein: Parsifal schultert die Last der Welt, während das Theater sich zerlegt, um Platz zu machen für einen Neuanfang.

Claudia Mahnke ist eine überraschend zarte Kundry. Es mangelt ihr nicht an kraftvollen Leidenstönen und widerborstiger Vehemenz, aber eigentlich ist sie mädchenhaft verletzlich. Schwarze Haarlocken bedecken ihren Körper wie bei der büßenden Maria Magdalena – Achim Freyer zeigt uns, dass Wagner eine ganze Reihe biblischer und mythischer Gestalten für seine Geschichte geplündert hat. Der Mythos soll uns ja darüber hinwegtäuschen, dass es die Nöte seiner bürgerlichen Zeitgenossen sind, von denen das Stück handelt. Den Ödipuskomplex spricht Kundry schon lange vor Freud an, wenn sie Parsifal an die zu heißen Küsse seiner Mutter erinnert und ihn in deren Erinnerung zum Kuss verführt. Wenn Parsifal bei diesem Kuss nicht an Sex denkt, sondern an die Leiden jenes Mannes, der das Sexverbot vergaß, ist das tatsächlich die Überwindung des ödipalen Konflikts und der Moment der Reife.

Claudia Mahnke, Vladimir Baykov Foto: Hans Jörg Michel

Vladimir Baykovs Klingsor trägt sein Ungeschick vor sich her: Er hatte die unreifste Lösung von allen gewählt. Seine rosa Krawatte ist die Verlängerung der rosa Zunge, die ihm auf das Kinn gemalt ist, und sie dient dem Verdecken seiner Kastrationswunde. Baykov ist ein munterer Springteufel, er singt und artikuliert deutlich und bleibt doch klanglich fern jeder Karikatur. Er ist gleichzeitig gefährlicher Mephisto als auch Opfer des Reinheitswahns der Ritter; zu seinem Unglück war er in die Weltmaschine geraten, und dabei hat sie ihn kastriert – ein Kollateralschaden des Erlösungsplans. Der zweite Akt lockert das strenge Schwarz-weiß-rot der Außenakte, bei den – stimmlich bestens aufeinander abgestimmten – Sexarbeiterinnen der Zauberburg geht es bunt zu, und auch die Musik leuchtet in allen Farben und argumentiert in beredter Gestik.

Im letzten Akt übertreffen die beiden Zaubermeister Nagano und Freyer sich selbst. Nagano hält insgesamt die Dauern der Uraufführung unter Hermann Levi ein und die Tempi wirken schlicht richtig. Aber die Durchgestaltung des dritten Aufzugs ist überwältigend. Die Partitur entfaltet alle ihre gefährlichen Reize, der Karfreitagszauber ist sanft und schmeichelnd, die Verwandlungsmusik und der Ritterchor von schmerzhafter Müdigkeit, aber das Aufbäumen des Amfortas und die darauf antwortende Wut der Ritter von erschütternder Wucht. Und dann die Erlösung … sie wird so verführerisch musiziert, dass man gut verstehen kann, wie die Wirkung dieser Kunstreligion auf die Zeitgenossen war: als die Erinnerung an ein verlorenes Paradies. Damit aber auch so gefährlich wie die Rattenfänger der AfD, die einen Traum von einem Land als Köder benutzen, das sie weder kennen noch das es je gab – dieser Gedanke war am Tag der B-Premiere, am Wahltag, unabweisbar. Ein Mann aus dem Wagner-Clan war es dann ja auch, der „bewies“, dass Jesus Arier gewesen sein soll, und dessen von Wagner abgeleiteter Wahn Hitlers Denken befeuerte.

Man kann das heute natürlich auch harmloser sehen. Der junge Mann, der in der S-Bahn zur Oper neben mir saß, schaute auf seinem Handy sehnsuchtsvoll Fantasy-Bildfolgen an, möglicherweise ein Spiel: seltsame Wesen aus anderen Welten, in denen er sich offenbar ganz zuhause fühlte. Eine Flucht aus der Realität, die gar nicht so viel anders funktioniert als die künstlichen Paradiese des Richard Wagner.

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