Haim Wiener Philharmoniker

Barocke Eleganz ohne altvaterisches Vibrato

Emmanuelle Haïm Foto: Marianne Rosenstiehl

Die Wiener Philharmoniker überzeugen unter der Leitung von Emmanuelle Haïm auch auf heimischem Boden als Händel-Orchester
Von Derek Weber   
(Wien, 17. September 2016) Die Wiener Philharmoniker von einer Frau dirigiert? Was denn? Geht das denn überhaupt zusammen? Solches hätte man vor Jahren gemutmaßt. In seiner fast 175jährigen Geschichte wurde das Orchester doch schon zwei, anderen Quellen zufolge drei Mal von einer Frau dirigiert. Das herauszufinden, ist nicht einfach: Googelt man "Wiener Philharmoniker Dirigentinnen", springt die Seite wie von magischer Hand geführt auf "Dirigenten" um. Auch in der Liste der Abonnement-Dirigenten findet sich keine Frau. Das Lucerne Festival bietet einmal zwei, das andere Mal drei Frauen-Dirigate als verbürgt an. Erst ein Telefonat mit dem Philharmoniker-Büro bringt mehr Gewissheit: Eine der namentlich bekannten Dirigentinnen ist Simone Young, die zweite sorgt eher für Staunen und Überraschung: Irgendwann in den späten 1920er- (oder frühen dreißiger) Jahren dirigierte Carmen Weingartner-Studer, die fünfte Ehefrau des berühmten Dirigenten Felix Weingartner, eine Aufführung der Philharmoniker. Das war’s dann aber auch.
Dass der Weg  zu den Wiener philharmonischen Weihen auch für Männer weit ist, weiß man. Für Frauen ist er noch um einiges weiter. Jetzt aber wird Aufbruch signalisiert. Die französische Cembalistin und Dirigentin Emmanuelle Haïm trat auf, sah und siegte. Sie wählte den Weg über die Schweiz.
Beim Lucerne Festival war heuer Prima Donna als Motto vorgegeben, und zwar nicht in dem etwas abgegriffenen opernhaften Sinn, sondern auch in  Anspielung auf Solistinnen – und Frauen am Dirigentenpult: Rund ein Dutzend Dirigentinnen wurden also in diesem Sommer eingeladen, als "primae inter pares" Konzerte zu leiten.
Spätestens da wurde man der Tatsache gewahr, dass ein neuer Geist in Europa umgeht. Bei den Wiener Philharmonikern war dazu die übliche philharmonisch-demokratische Abstimmung notwendig. Und schon war der Gott-Sei-Bei-Uns in Gestalt von Emmanuelle Haïm zwei Mal ans Pult geladen: Vorige Woche in Luzern (siehe Artikel auf KlassikInfo), an diesem Wochenende am Theater an der Wien.
Emmanuelle Haïm ist längst keine Unbekannte mehr. Die "Barock-Spezialistin", oder weniger salopp ausgedrückt, die Vertreterin der historisch informierten Aufführungspraxis unterhält mit dem Ensemble Le Concert d’Astrêe ein eigenes hoch angesehenes Orchester. Die Einladung zu den Philharmonikern ist ein bisschen wie Nikolaus Harnoncourt zum Quadrat: Historisch informiert und weiblich – das hätte es vor zwanzig Jahren bei diesem Orchester nicht gegeben.
Geht das gut? Klingt es denn auch nach was? Diese Fragen wurden am Samstag im Theater an der Wien mit einem eindeutigen Ja beantwortet: Selbst wenn die Philharmoniker vibratolos spielen, klingen sie immer noch sehr philharmonisch. Samtig, weich und überaus elegant. Man hat sich mehr als  bloß "verstanden". Nichts schwang in dem Konzert mit von jener Kratzbürstigkeit, die man üblicherweise mit period instruments assoziiert. Akzente und Sforzati werden mit großer Bestimmtheit gesetzt, nicht aber mit jenem Rumpeleffekt, der bei anderen Orchestern oft mit im Spiel ist.
Während Nikolaus Harnoncourt in den letzten Jahren immer mehr dazu übergegangen ist, ältere Musik, vor allem aber Werke der Klassik mit "seinen" Musikern – dem Concentus Musicus – aufzuführen (und aufzunehmen), treten nun die in seinem Sinn geschulten Philharmoniker – und vergessen wir nicht, dass da eine neue, für Neues offene Generation nachgewachsen ist, die nur wenig mehr gemein hat mit jenen "Alten", welche die Frauen aus dem Orchester verbannt haben  – selbstbewusst als Barockinstrumentalisten auf. Dabei kommen ihnen traditionelle Instrumente wie die Wiener Oboe und das Wiener Horn auf halbem Weg entgegen. Und wer weiß, vielleicht spielen sie irgendwann sogar Brahms oder Bruckner so, wie das Roger Norrington mit seinen englischen und anderen Musikern vorexerziert hat.
Apropos: In der Händel-Musik, die Emmanuelle Haïm aufs Programm gesetzt hatte – vor allem im Concerto grosso op. 6 Nr. 1 und in den beiden Wassermusik-Suiten (Nr. 1 und Nr. 3), fühlte man sich ein wenig an den lebendigen Klang der englischen Barock-Ensembles der fünfziger und sechziger erinnert. Diese Tradition ist in England nie erloschen. Und dass die aus den Reihen der Philharmoniker kommenden Geigensolisten exzellent und verständig zu spielen wissen, versteht sich fast von selbst. Blockflöte(n) , Laute und Cembalo hingegen waren mitgebrachten Gästen anvertraut: Sébastien Marcq, (Blockflöten), Laura Mónica Pustilnik (Laute) und Benoît Hartoin (Cembalo)
Die frühe, aus seiner Italien-Zeit stammende Händel-Kantate "Il delirio amoroso" bot (samt den opernhaften Zugaben) Gelegenheit, die subtile Gesangskunst der holländischen Sopranistin Lenneke Ruiten zu bewundern, die selbst die im obersten Register angesiedelten Töne mühelos und in glockenheller Reinheit präsentierte.
Emmanuelle Haïm aber leitete das Konzert mit höchst eleganter, schwungvoller Selbstverständlichkeit teilweise vom Cembalo aus, nicht unbedingt als mit schlagtechnischer Perfektion ausgestattete Dirigentin, aber – welche  Verdoppelung – als impulsive Impulsgeberin. Solches sind die Philharmoniker ja nicht zuletzt von Nikolaus Harnoncourt gewohnt.



Münchner Philharmoniker


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