Hagen Quartett und Sol Gabetta in Salzburg

Mitreißende Begegnungen mit Schostakowitsch, Bach und Schubert – das Hagen Quartett zusammen mit Sol Gabetta bei den Salzburger Festspielen

Von Derek Weber

(Salzburg, 7. August 2017) Früher war das Alban Berg Quartett das über Österreich hinausstrahlende Referenz-Ensemble für Kammermusik. In den letzten Jahrzehnten – seit die „Bergs“ aufgehört haben zu spielen – hat das Salzburger Hagen Quartett diese Stellung mehr und mehr für sich erobert. Und diese Musiker sind – mit einem Wechsel bei der zweiten Geige – immerhin schon über dreieinhalb Jahrzehnte zusammen. Das ist sicher – wie bei anderen langlebigen Quartetten – mit das Geheimnis ihrer nachhaltigen Qualität. Genauso, wie es als sicher gelten kann, dass die Aufwertung und Systematisierung der Kammermusik bei den diesjährigen Festspielen dem Intendanten Markus Hinterhäuser zu verdanken ist.

„Zeit mit Schostakowitsch“ steht als Motto über der Serie, das sich etwas versteckt damit erklärt, dass zum hundertjährigen Jubiläum der russischen Oktoberrevolution eines Mannes gedacht wird, dessen Musik wie keine andere für die kulturellen Widersprüche des Systems steht, das nach 1917 entstanden ist.

Was für ein Komponist wäre aus Schostakowitsch wohl ohne die Reibungen mit und Verfolgungen der „realsozialistischen“ Eliten geworden? Mit Sicherheit ein ganz anderer, mit anderer Musik. Er ist der Musiker, der – von den Mächtigen gerade noch geduldet und nicht vernichtet – seine politischen Leiden in Musik setzte. Meist unbeugsam, selten kompromißbereit. Irgendwie müssen Stalin und später Chruschtschow aber doch ein positives Haar an ihm gefunden haben. Gott sei Dank für uns. Denn das 8. Streichquartett (op. 110), welches das Hagen Quartett jetzt im Großen Saal des Mozarteums spielte (und von dem es auch eine sehr starke, hörenswerte und vom Komponisten autorisierte Bearbeitung für Kammerorchester durch Rudolf Barschai gibt), zählt sicher zu seinen stärksten kammermusikalischen Werken.
Unter dem Eindruck eines Dresden-Aufenthalts entstanden, ist es aufwühlend wie kaum ein anderes. Natürlich gibt es dafür allerlei Hörkrücken, von Schostakowitsch selbst und von anderen. Aber warum sollte man nicht annehmen dürfen, dass der Anblick der noch immer von den immensen Kriegszerstörungen mitgenommenen Stadt große Emotionen und Erinnerungen an das in Leningrad selbst Erlittene wachgerüttelt habe? Emotionen, die sich mit persönlichen Existenzfragen vermischten? Gerade bei diesem Quartett gibt es nicht eine Wahrheit. Und das Politische und das Persönliche lassen sich nicht auseinanderdividieren.

Das ist am allerwenigsten die Aufgabe von Interpreten, für die das, was 1960 in Schostakowitsch vorgegangen sein mag, zeitlich weit weg ist. Was sie hören können, steht in den Noten mindestens ebenso klar wie zwischen den Zeilen. Diese schmerzerfüllte Musik mit ihren wild auffahrenden Ausbrüchen wussten die vier Musiker bis zur Verstockung expressiv zu deuten, immer wieder zu den fast resignativen „biographischen“ Noten seines Namens D-Es-C-H zurückkehrend.
Es war eine wunderbare und gewinnbringende Idee, Schostakowitsch‘ emotional aufgeladenes Quartett mit den davorgestellten puristisch-kontemplativen Sätzen (den Contrapuncti I – IV) aus Bachs „Kunst der Fuge“ direkt („attacca“) zu verbinden. Allerdings war bei der ersten Geige die Versuchung nicht zu überhören, dabei – quasi als Vorgriff auf Schostakowitsch‘ Schmerzensmusik – an gefährliche Vibratozonen anzustreifen.

Nach der Pause erhielt das Hagen Quartett bei Franz Schuberts todesnahem, aber nicht von Todesahnungen getrübtem Streichquintett Unterstützung von der argentinischen Cellistin Sol Gabetta, die sich sozusagen als schlank agierende Kontrapunktistin zu Clemens Hagens sehr kräftigem, fleischigen Ton ins Spiel brachte.

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