Händel-Arienabend mit Patricia Petibon an der Wiener Staatsoper

Desperate Lovers

Emmanuelle Haim debütierte mit großem Erfolg mit ihrem Ensemble Le Concert d’Astrée und den beiden Sängern Patricia Petibon und Tim Mead an der Wiener Staatsoper

Von Robert Jungwirth

(Wien, 4. Juni 2019) Verzweiflung, Wut und Schrecken, Liebe, Wut, Trauer und Schmerz – Georg Friedrich Händel sparte nicht mit derlei Ingredienzien in seinen tragischen Opern. Und wenn solchermaßen mit Gefühlsaufwallungen angereicherte Arien von einer Sängerin wie Patricia Petitbon gesungen werden, dann kann es passieren, dass man plötzlich an Verdi und eine andere Sängerin der Selbstentäußerung denkt: Maria Callas. Ja, die zierliche Französin ist so etwas wie die Callas des Barockgesangs, wenn man diesen eigenwilligen Vergleich ziehen möchte. Beiden Sängerinnen jedenfalls ist das Existenzielle in ihrer Kunst zur Wesensheit geworden. Da gibt es keine Distanz zwischen Person und Kunst. Es ist ein Sich-Heineinwerfen, ein Durchdrungensein von der Musik und der jeweiligen emotionalen Verfasstheit einer Rolle, einer Arie, die beide Ausnahmesängerinnen kennzeichnet.

Patricia Petibons stimmliches Ausdrucksspektrum ist enorm, vom leisesten Flötenton bis zum raumfüllenden Fortissimo reicht die Palette, das Maß ihrer Stimmbeherrschung ist phänomenal. Man vernimmt bei ihr kein Einschwingen des Tons, der Ansatz ist perfekt, er steht gleichsam im Raum, die Koloraturen glasklar wie glitzernde Edelsteine. Wenn sie trauert in ihrem Gesang ist es abgrundtiefe, herzzerreißende Trauer wie im Rezitativ und dem Duett „Voglio dunque morir“ aus Händels „Tamerlano“, wenn Zorn aus ihr sprüht über verratene Liebe in der Arie der Alcina „Ah mio cor“ aus „Alcina“ ist das kein kleines feines Tischfeuerwerk, sondern ein Vulcanausbruch – begleitet von weitausholenden Armbewegungen.

Die Seufzermotivik mit den feinen Dissonanzen in Duett „Io t’abbracio“ aus „Rodelinda“ kommt so blitzsauber wie in den begleitenden Geigen, deren perfekte Intonation nicht minder beeindruckt. Emmanuelle Haim und das von ihr gegründete Ensemble Concert d’Astrée sind die idealen und vielfach erprobten Sekundanten für diese wunderbare Sängerin. Haim, die in Deutschland immer noch erschreckend wenig präsent ist, zählt längst zu den großen DirigentInnen der Alten Musik, sie hat auch bereits die Wiener und die Berliner Philharmoniker dirigiert.

Emmanuelle Haim Foto: Wiener Staatsoper

Jetzt hat sie die Wiener Staatsoper zusammen ihrem Ensemble, Patricia Petibon und dem englischen Countertenor Tim Mead zu einem exklusiven Händel-Konzert im Opernhaus eingeladen – gewiss keine kleine Ehre. Tim Mead wirkte zwar anfangs etwas manieriert im stimmlichen Überschwang, entwickelte aber im Lauf des Konzerts mehr und mehr konzise Gestaltungs- und Überzeugungskraft.
Und Emmanuelle Haim feuerte ihr Ensemble zu punktgenauer Klangrede in Ergänzung der Dramatik der Gesangspartien an. Daneben waren die Ouvertüren aus „Rodelinda“ und „Orlando“ sowie das Concerto grosso Nr. 2 op. 3 zu hören. Dabei tanzte sie weitaus weniger, ja fast gar nicht mehr, als sie es früher so schön getan hat – schade.

Das Verzweiflungsvolle der Arien und Duette wechselte im Lauf des Abends über ins Freudvolle und Liebevolle wie im Rezitativ und Duett „Adorato mio sposo“ aus „Rinaldo“, in dem Petibons Stimme freudige Funken sprühten zu den Text-Zeilen „In dem Feuer deiner Augen sprüht Amors Pfeil zärtliche Funken.“

Werbung

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.