Guttenberg

Guttenberg verteidigt deutsche Kultur an der Heimatfront

Während Verteidigungsminister zu Guttenberg Deutschland am Hindukusch verteidigt, kämpft sein Vater, der Dirigent Enoch zu Guttenberg, tapfer für die deutsche (Musik-)Kultur an der Heimatfront – ein Frontbericht

(Dezember 2010) "Aber denken Sie an die Soldaten im Ersten Weltkrieg, die ‚Stille Nacht, heilige Nacht‘ in den Schützengräben gesungen und dabei geweint haben, weil sie eine Ahnung von Frieden empfanden. Solche musikalische Wahrhaftigkeit müssen wir im Alltag wiedergewinnen", raunt zu Guttenberg einem ergeben protokollierenden Journalisten von der FAZ in seinen Block. Nein, nicht K.T. zu Guttenberg, sondern Enoch, der Dirigent und Vater des aktuellen deutschen Verteidigungsministers sprach diese hehren Worte, nachzulesen in der Samstagsausgabe der FAZ (18.12.2010). Und was tat sein Sohn K.T.? Nicht Weihnachtslieder hat er den Soldaten nach Afghanistan mitgebracht, sondern die Kerner-Show. Was sagt wohl Guttenberg senior dazu? In dem FAZ-Artikel sagt er dazu gar nichts, und der Journalist fragt auch nicht. Er begnügt sich mit dem Aufzeichnen goldener Worte von Guttenberg senior über die abendländische Kultur und deren Verfall, besonders an Weihnachten. Denn es drohen große Übel in Form von "Kitsch und Kommerz" bei "festlichen Trompetengalas und gedankenlos abgenudelten Corelli-Konzerten". Dem müsse man sich als "aufrichtiger Künstler" entschieden "entgegen stemmen", so zu Guttenberg.

Es geht also um die Verteidigung des musikalischen Abendlandes, nicht am Hindukusch, sondern am Christkindlmarkt. Toll, die Guttenbergs haben gleich zwei Verteidigungsminister in der Familie.
Die FAZ schreibt, dass Guttenberg "echte Betroffenheit statt dumpfem Konsumverhalten" fordert. Der Journalist ist begeistert und attestiert dem "kritisch reflektierenden" Dirigenten Guttenberg, der sich angeblich "quer zum Zeitgeist eines mehr und mehr kommerzialisierten Musikbetriebs stellt", einen "aufklärerischen Impetus".
Warum um alles in der Welt die FAZ einen derartig fragwürdigen Beweihräucherungsartikel über Enoch zu Guttenberg und seine (Selbst-)Inszenierung als Retter des musikalischen Abendlandes vor dem Untergang durch das zu häufige und "unrichtige" Absingen und Abspielen von Weihnachtsmusik abdruckt, darüber kann man eifrig spekulieren. Warum bietet die Zeitung einem mittelmäßigen Dirigenten, über den sie, bevor dessen Sohn Minister wurde, nur selten ein Wort verloren hat, plötzlich ein solch herausgehobenes Podium? Warum stilisiert sie Enoch zu Guttenberg zu einer musikalischen Instanz, die dieser Musiker nie war und wohl auch nicht mehr wird. Dazu sind seine musikalischen Aufführungen, die sich seit Jahren vor allem auf die Highlights des (Chor-)Repertoires beschränken und allein damit schon konterkarieren, was er über die Verantwortung des Musikers salbadert, schlichtweg zu unbedeutend im Vergleich mit den wirklich großen Dirigenten unserer Zeit.

Natürlich hat dieser Artikel mit K.T. und seiner Medienkampagne zu tun, in die offensichtlich die ganze Familie einbezogen wird. Einen Medienfeldzug großen Maßstabs hat dieser Politiker entfacht, generalstabsmäßig geplant, nach amerikanischem Vorbild, viel Show, wenig Inhalt. Und die Zeitungen und Fernsehsender machen sich zu willfährigen Handlangern eines geltungssüchtigen Politclowns, der schon mal kurz vor dem Rücktritt stand, als er das Massaker der deutschen Armee in Kunduz als angemessen bezeichnete!
Demnächst werden wohl auch noch die Kinder Guttenbergs ein zehnseitiges Interview in der Kinder-Vogue geben – wollen wir wetten?

Was lernen wir daraus? Dass Vater und Sohn zu Guttenberg leidenschaftliche Inszenatoren ihrer selbst sind, und dass Selbstüberschätzung ein wesentlicher Bestandteil ihres Erfolgs ist. Halt, da fällt dem FAZ-Journalisten ja doch noch eine investigative Frage ein: "Wie aber erlebt ein professioneller Musiker solch konzertierte Attacken auf Herz, Verstand und Ohr?" Die Rede ist nicht von schlechtem Journalismus, sondern noch immer vom Weihnachtsoratorium und dessen "seelenloser Benutzung" durch "oberflächliche Vereinnahmung". Guttenberg sen. eröffnet dem Fragenden Ungeheuerliches. Er verzichte an Weihnachten ganz auf Musik und lese die Weihnachtsgeschichte am liebsten ohne Musik vor.
Komisch, dass Guttenberg am 17. und am 23. Dezember in Rosenheim und in der Münchner Philharmonie, na, was wohl dirigiert? Richtig: Bachs Weihnachtsoratorium. Selbstverständlich in der einzig gültigen Interpretation. Übrigens keineswegs als Benefizkonzert etwa für unsere Kriegswaisen, sondern schön als kommerzielles Großereignis.

Robert Jungwirth

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