Guth inszeniert Händels Rodelinda in Lyon

Verschiedene Grade von Bösartigkeit

Georg Friedrich Händels „Rodelinda“-Oper in der umjubelten Sicht von Claus Guth

Von Derek Weber

(Lyon, 15. Dezember 2018) Es gibt Regisseure, deren Verdienst darin besteht, das Wesentliche und Interessante eines Werks durch Weglassen von Nebensächlichkeiten zu ergründen. Das ist der sozusagen hauptsächliche Weg der Interpretation, zum Kern eines Werkes vorzudringen. Claus Guth macht das gerade Gegenteil davon. Er fügt Dinge und Figuren hinzu, die nicht bzw. so nicht im Libretto stehen.

Schon 2006 ließ er In Salzburg in „Le nozze di Figaro“ überraschend einen geflügelten Amor auf der Bühne erscheinen. Etwas Ähnliches treibt ihn nun in Georg Friedrich Händels „Rodelinda“ in Lyon dazu, einen kleinen Jungen in den Mittelpunkt zu stellen, einen gewissen Flavio (seines Zeichens der jüngste Sohn Sohn der Langobardenkönigin Rodelinda und ihres totgeglaubten Gatten Bertarido). Guth stellt also eine Frage – wie geht es denn eigentlich dem Sohn eines abservierten Herrschers? – ,der in der 1725in London entstandenen Oper normalerweise keine große Bedeutung zugemessen wird. Genauer gesagt: Sie (die Frage) wird einfach ignoriert. Guth aber macht aus dem nicht singenden, stummen Kind eine zentrale Figur, die sich in einem vielfältigen Sinn bemerkbar macht. Selbst was dieser Flavio in seiner Alleingelassenheit aufs Papier kritzelt, wird als Großprojektion sichtbar gemacht.

Um den Jungaristokraten herum tun sich die Dinner-Konflikte zwischen den Mitgliedern einer noblen Gesellschaft auf. Nur die erwachsenen Aristokraten sieht man üblicherweise auf der Bühne, und sie geben hübsche bis belangvolle, koloraturgetränkte und halsbrecherisch-schwierige Arien zum Besten. So sind Barockopern eben gestrickt. Natürlich bleibt die bedrängte Königin, die von Grimoaldo umworben wird, ihrem verschwundenen Bertarido bis zum Schluss treu und alles löst sich auf, wie es soll: Die Guten werden belohnt, die Bösen bestraft.

So weit, so gut. Aber wie Händel das macht, das ist schlichtweg sensationell: Er zeichnet Charaktere, was ihm umso leichter fiel, als ihm – von Senesino angefangen – die damals besten Sänger zur Verfügung standen
„Rodelinda“ zeigt Händel auf dem Höhepunkt seiner Fähigkeit, Personen musikalisch zu charakterisieren, konkret: sozusagen verschiedene Grade der Bösartigkeit zum Erscheinen zu bringen. Es gibt in der Oper nämlich gleich zwei Bösewichte. Der eine, Garibaldo, in Lyon gesungen von Jean-Sebastien Bou, ist ein brutaler Finsterling, während der andere, Grimoaldo (Krystian Adam), im Verlauf des Dramas viel widersprüchlicher gezeichnet ist. Man sieht also hier weit mehr als nur das übliche Barockschema walten. Es ist in Guths Inszenierung natürlich in moderne Kostüme gekleidet (Christian Schmidt).

Es singen nicht die gefragtesten Sängerinnen und Sänger in dieser Produktion in Lyon. Das nasskalte Wetter tut sein Übriges. So ist Rodelinda (Sabina Puertolas) in den Höhen etwas beengt, aber die Countertenöre (Lawrence Zazzo als Bertarido und Christopher Ainslie als Unulfo) meistern ihre halsbrecherischen Koloraturen mit Bravour. Mehr als nur solide schlägt sich Avery Amerau in der Mezzorolle der Eduige (der Schwester Bertaridos).
Noch leichter tut sich die Regie. Gezeigt wurde und wird die Oper nicht nur in der nämlichen Inszenierung in Lyon, sondern auch am Teatre Liceu de Barcelona, am Teatro Real in Madrid und an der Oper Frankfurt. Das spart nicht nur Geld, sondern gibt Claus Guth auch die Möglichkeit an seinem Produkt zu feilen und die Inszenierung weiterzuentwickeln.

Auch in Lyon hat Guth daher Georg Friedrich Händels Oper in die Form eines Banketts gekleidet und den halbwüchsigen Königsohn Flavio aus seiner passiv-stummen Rolle befreit. Er darf nach Herzenslust intervenieren und das Geschehen auf der Bühne in mannigfacher Form kommentieren, vorantreiben und so für interpretatorische Abwechslung sorgen. Er ist – zusammen mit Händel – der Motor des Geschehens.
Man muss eben nur auf diese Idee kommen. Und da Guth an den verschiedenen Theatern sozusagen mit wechselnder Besetzung, aber immer mit demselben Bühnenbild und denselben Kostümen von Christin Schmidt spielen lässt, stehen ihm viele jeweils neue Nuancen beim Singen und Schauspielern zur Verfügung. Das gilt auch für die Orchester. Das auf die kleine historische Größe reduzierte Lyoner Opernorchester ist barockerfahren genug und macht seine Sache unter der quirligen und konzisen Leitung von Stefano Montanari ausgezeichnet.

Das Publikum dankt wie immer mit kurzem, aber tosendem Applaus für den abwechslungsreichen Abend. Was der Intendant dereinst an Schwung von Lyon nach München mitnehmen wird, ist ihm noch nicht zu entlocken. In der bayerischen Metropole gelten zwar andere Operngesetze, aber ein gewisser vorausschauender Optimismus ist wohl angebracht.

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