Gurrelieder

CD der Woche

Schönberg: Gurre-Lieder, Solisten, Chöre, Bergen Philharmonic/Gothenburg Symphony: Edward Gardner, Chandos 5172) – Vertrieb: Note 1
Würde man die „Gurre-Lieder“ hören, ohne um den Namen des Komponisten zu wissen, tippte man kaum auf Arnold Schönberg, den nachmaligen Zwölftöner. Das Werk schwelgt in erotisch durchpulstem Dur und rauschhaften Wagner-Klängen, die flirrende Orchesterintroduktion versetzt geradezu in Rauschzustände. Freilich beansprucht Schönberg im Verlauf des Werkes auch herbe, dissonante Klangwirkungen, wo es nämlich gilt, der Verzweiflung von König Waldemar über den Tod der geliebten Tove (Eifersuchtsmord seiner eifersüchtigen Gattin) angemessenen Ausdruck zu verleihen. Seine Anklage gegen Gott führt zur Verurteilung, als wilder Jäger die Welt zu durchstürmen. Und dann blüht in der rauen Natur das alte Liebesmotiv noch einmal im Pianissimo auf – da stockt dem Zuhörer das Herz. Der pantheistische Finalgesang beschließt das Werk mit riesigem Stimmenaufgebot glorios und versöhnlich.
Bereits 1932 nahm Leopold Stokowski das wirkungsvolle Werk für die Schallplatte auf, aber Schönbergs Musik bedarf – wie beispielsweise auch die Sinfonien Gustav Mahlers – einer gewissen Raumweite zur vollen Entfaltung. Die neueste, 2015 entstandene Einspielung mit den Orchestern von Bergen und Gothenburg sowie fünf Chören erfüllt unter der stimmigen, befeuernden Leitung von Edward Gardner diesen Anspruch, soweit dies unter Studiobedingungen möglich ist. Das nie zu einem Duett findende Liebespaar wird verkörpert von Stuart Skelton (mit angenehm baritonal gefärbtem Tenor) und Alwyn Mellor (üppig belkantesk, aber nicht eben jungmädchenhaft, was übrigens auch für die meisten anderen Aufnahmen gilt). Anna Larssons schmerzgetränktes Lied von der von der Waldtaube bildet einen emotionalen Höhepunkt. Das Melodram kurz vor Schluss wird gerne von pensionierten Sängern übernommen (Hans Hotter, Ernst Haefliger). Thomas Allen beweist in etlichen Passagen, dass seine Gesangsstimme auch mit siebzig noch bestens funktioniert.
Christoph Zimmermann

[zur nächsten CD-Rezension]

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.