Guillaume Tell von Rossini in Lyon

Musikinstrumente zu Waffen

Rossinis „Guillaume Tell“ inszeniert Tobias Kratzer in Lyon als intelligente Parabel zwischen Kunst und Barbarei

Von Klaus Kalchschmid

(Lyon, 5. Oktober 2019) Riesig prangt ein altes Schwarzweiß-Bild des Matterhorns, des berühmtesten und pittoreskesten Berges der Schweiz an der Hinterseite der Bühne des Opernhauses in Lyon. Schon zur Ouvertüre traktiert ein seltsam ganz in Weiß gekleideter junger Mann, der eine schwarze „Melone“ trägt, ein von einer Frau gespieltes Cello brutal. Später werden die Männer in Weiß mit Suspensorien wie für Sportler, Hosenträgern und Melone in Schwarz, womit sie der abgründigen Hauptfigur aus Kubricks „Clockwork Orange“ täuschend ähnlich sehen zur Gang. Im Kollektiv richten sie den Dorfältesten Melchtal übel zu, blenden und töten ihn dann, wie sie auch den sechs Tänzerinnen und Tänzern mit Baseball- oder Golfschlägern die Beine brechen, nachdem sie diese zu allerlei Volkstänzen gezwungen haben. Da lässt „Funny Games“ von Michael Haneke grüßen, wo zwei Jungs in Weiß grundlos eine Familie bis zum Tod malträtieren. Und immer mehr Pech fließt über das Monumentalgemälde, wann immer von Gesler, dem Anführer der österreichischen Besatzer, die Rede ist, bis das Alpenpanorama ganz verschwunden ist und von Wasser überflossen wird. Subtil wechselnde Grauwerte rahmen dieses Bild, vor dem das Geschehen manchmal etwas Albtraumhaftes bekommt (Bühne und Kostüme: Rainer Sellmaier; Licht: Reinhard Traub).

Bei Regisseur Tobias Kratzer sehen wir nicht die Unterdrückung der Schweizer durch ihre habsburgischen Besatzer im Jahr 1307, sondern den Kampf gewaltbereiter junger Männer der Unterschicht von heute gegen die Hochkultur. Deshalb versammelt sich am Anfang eine elegante schwarze Abendgesellschaft als Zuhörer eines Konzerts zum gemeinsamen Chorsingen vom Blatt, werden die Waffen der Vertreter der drei Kantone aus Instrumenten der Holz- und Blechbläser sowie der Streicher gebastelt. Beim Rütlischwur unmittelbar vor der Pause entbehrt es nicht der unfreiwilligen Komik, wenn Arnold, der Sohn Melcthals, in den Kampf zieht mit einem Cello-Boden als Schutzschild und einer Doppelaxt aus einem Geigenbogen, der mit einer Klarinette gekreuzt ist.

Aber diese Verfremdung oder auch Übermalung passt zur manchmal holzschnitthaften Dramaturgie von Rossinis Oper ebenso wie zu seiner klaren, in harmonischer wie melodiöser Hinsicht ungemein reichen „französischen“ Musik, die nie „schwitzt“ und nur subtil Stellung bezieht für die Schweizer, Tell und den jungen Arnold Melcthal (John Osborn). Der verliebt sich ausgerechnet in die Habsburger-Prinzessin Mathilde (Jane Archibald), die am Ende freilich die Seiten wechselt und Jemmy, den kleinen Sohn Wilhelm Tells (Nicola Alaimo), wieder seiner Mutter zuführt, während der Vater von Gesler nach dem berühmten Apfelschuss verhaftet wird. Hier verhindert der schwesterliche Schatten (Jennifer Courcier) des gerade mal fünfjährigen Buben den Schuss, nicht ohne dass in der Menge doch noch der von einem Pfeil durchbohrte Apfel auftaucht.

Tobias Kratzer drückt sich in der nur moderat und geschickt von vier auf dreieinhalb Stunden gekürzten französischen Originalfassung weder um die umfangreichen Massenszenen (der Choeur de l’Opéra de Lyon bildet ein musikalisch homogenes, darstellerisch individuell aufgefächertes Kollektiv) noch um das umfangreiche Ballett. Dank des Choreographen Demis Volpi wird im ersten Akt vor der Abendgesellschaft ganz klassisch auf Spitze getanzt bis die Bewegungssprache immer feiner, moderner und humorvoller wird; im dritten Akt muss das Sextett billige, bunte Folklore-Kostüme tragen und zum Amüsement der furchteinflößenden „weißen Jungs“ tanzen. Da beginnt die Inszenierung zum Kern des Stücks vorzudringen und ihr Konzept einzulösen.

Kommt hinzu, dass über einem wunderbar flexiblen, eleganten Orchester unter Leitung von Daniele Rustioni, das noch in der größten Attacke weich und luftig klingt, durchweg exzellent gesungen und gespielt wird: vom jungen Ruodi (der helle, höhensichere junge Tenor Philippe Talbot) über Jemmy (ein zarter lyrischer Sopran: Jennifer Courcier), Helwige, die Frau Wilhelm Tells (mütterlich tief raunend: Enkeleja Shkoza) bis zum Freiheitskämpfer selbst. Nicola Alaimo singt ihn mit facettenreichem, nie zu lautem Kavaliersbariton, der immer kultiviert bleibt, angesichts der Bedrohung seines kleinen Sohns durch den Apfelschuss, aber in seiner einzigen, vom Solo-Cello begleiteten Arie auch enorm expressiv klingen kann. Bleibt das geheime Liebespaar Mathilde und Arnold: Sie mit wunderbar präzise perlenden Koloraturen von der höchsten bis in die tiefe Lage, schöner Phrasierung und farbigen Spitzentönen; er mit fast jungheldischem und noch in der höchsten Tessitura mühelos verblendetem Tenor. Es ist dies eine von Osborns Glanzrollen, die er schon 2010 in der Studioaufnahme des „Guillaume Tell“ unter Antonio Pappano überragend sang.

Am Ende herrscht die Familienidylle des Beginns mit warmer Suppe am weißgedeckten Esstisch. Doch der kleine Jemmy, der durch all die Gewalt, die er mit ansehen musste, traumatisiert ist, darunter auch den Mord Geslers durch seinen Vater mit einem Geigenbogen, und immer wieder seinen Kopf zwischen den angezogenen Knien versteckt, kann nicht anders, als sich die schwarze „Melone“ der „Feinde“ aufzusetzen. Gewalt gebiert Gewalt anstatt zur Befriedung zu führen; die neue Generation aber hat nichts daraus gelernt, könnte die Botschaft sein. Die musikalisch orgiastisch sich auftürmende „Apotheose der Schweiz“ findet daher nur im Orchestergraben statt.

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