Gürzenich-Orchester mit Mendelssohn, Busoni und Schönberg

Wunderkind-Image

Francois Xavier Roth kombiniert beim Gürzenich-Orchester Mendelssohn mit Busoni und Schönberg – mit Kirill Gerstein als Solist

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 16. April 2018) Zwischen den Werken im jüngsten Gürzenich-Konzert könnte man diverse Verbindungslinien ziehen. Mediterrane Heiterkeit wie in Felix Mendelssohns „italienischer“ Sinfonie spiegelt sich auch in Ferruccio Busonis „Romanza e Scherzoso“, das kompositorische Tasten des zwölfjährigen Felix in seiner ersten Streichersinfonie korrespondiert mit der Arbeit von Arnold Schönberg an seinem Klavierkonzert von 1942, bei dem sich der bestenfalls leidliche Pianist mit den Spielmöglichkeiten des Instruments erst einmal näher auseinandersetzen musste, was Interpreten bis heute zu spüren bekommen. Es gibt auch sehr viele äußerliche Parallelen: bis auf die „Italienische“ hat das Gürzenich-Orchester alle Werke zum ersten Mal gespielt. Man muss es GMD Francois Xavier Roth wirklich danken, dass er mit seiner unorthodoxen Programmgestaltung sein Orchester herausfordert, das Publikum aber nicht minder.

Seit Kurt Masur 1972 mit dem Gewandhausorchester Mendelssohns Streichersinfonien auf Tonträger gebannt hat, haben diese einen bescheidenen, aber doch effektiven Stellenwert im öffentlichen Konzertleben gefunden. Ihre Musik, so auch die der ersten, ist „nach Art der Alten“ geschrieben, wie es die Mutter von Felix ausdrückte. Doch selbst zur Stiladaption gehört ein gewisses Maß an Könnerschaft, und die war dem adoleszenten Komponisten als Himmelsgeschenk ganz einfach gegeben. Und seine individuelle Fantasie zeigt sich selbst im Rahmen einer retrospektiven Musiksprache, etwa bei den Reflexionen über B-A-C-H im Eingangs-Allegro oder den raffinierten Pizzicato-Wirkungen im Andante. Francois Xavier Roth machte in seiner drängenden Interpretation unzweifelhaft deutlich, wie stark es bereits im Kind Felix kompositorisch gärte. Eine dankbare Aufgabe war die Sinfonie auch für das Orchester.

Speziell bei Mendelssohn und Busoni gibt es einige Gemeinsamkeiten. Da ist zum einen das Wunderkind-Image, weiterhin das fördernde Elternhaus (wobei Busoni allerdings an der Überstrenge des Vaters zu leiden hatte) und die beiderseitige Bewunderung für Johann Sebastian Bach. Busonis „Romanza e Scherzoso“ beginnt orchestral leicht melancholisch mit einer Oboenmelodie, um dann heiter bewegt dem Ende zuzustreben, Stimmungen, welche sich auch im Klavierpart niederschlagen. Kirill Gerstein ließ im Verein mit dem Gürzenich-Orchester nach anfänglichen Moll-Tönungen die Musik regelrecht perlen, gönnte sich bei den Solostellen nur etwas zu viel Pedal. Einen Perpetuum-mobile-Charakter besaß auch seine Zugabe, Busonis virtuos glitzernde Bearbeitung von Bachs Orgelchoral „Nun freut euch, liebe Christen“.

Auch dem etwas strengeren Schönberg-Stil wurde Gerstein überaus gerecht. Das Konzert opus 42 entstand im USA-Exil des Komponisten. Dass er mit seiner Flucht vor den Nazis noch haderte, lassen die Satzüberschriften des Werkes erahnen. Zwischen „Life was so easy“ und „But life must go on“ bewegt sich das autobiografisch getönte Werk, dessen Korrespondenz zwischen „lyrischer Freiheit“ und „strenger Logik“ der Komponist Virgil Thompson einmal bewundernd hervorhob. Das Furioso des jazzversierten Pianisten korrespondierte stimulierend mit dem zupackenden Spiel des Orchesters, von Francois Xavier Roth mächtig angestachelt.

Eine noch gesteigerte Entflammtheit prägte die Widergabe von Mendelssohns mit Recht über die Maßen beliebter vierter Sinfonie. Die Moll-Färbung zweier Sätze ändert nichts am sanguinischen Grundcharakter des Werkes. Mendelssohns Musik macht ganz einfach glücklich. Unter Roths gestisch feuriger Leitung versprühte das Gürzenich-Orchester temperamentvolle Klangkaskaden, realisierte aber auch die raffinierten Pianissimo-Direktiven des Dirigenten (Ende des Andante).

So heiter und gelöst die Stimmung des Konzertes auch war: die vergiftete Atmosphäre zwischen dem Dirigenten und der Kölner Opernintendantin Birgit Meyer, welche die Öffentlichkeit derzeit in Atem hält, darf nicht unerwähnt bleiben. Die „Schuld“ an dieser Situation ist von außen nicht verbindlich zu bewerten. Aber bestimmte Forderungen und Verhaltensweisen von Francois Xavier Roth sprechen nicht gerade für seine kommunikative Fairness. Die Gürzenich-Musiker sind von ihrem Chef jedoch weiterhin voll begeistert.

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