Gubaidulina Violinkonzert

Die drei Sophias


Uraufführung des zweiten Violinkonzerts von Sofia Gubaidulina mit Anne-Sophie Mutter beim Gastspiel der Berliner Philharmoniker in Luzern
(Luzern, 30.-31. August) 1980 hat Gidon Kremer das erste Violinkonzert der tartarischen Komponistin Sofia Gubaidulina mit dem Titel „Offertorium“ uraufgeführt – und es samt seiner 1931 geborenen Schöpferin einem weltweiten Publikum bekannt gemacht. Der große Schweizer Kunstmäzen Paul Sacher bestellte danach bei Gubaidulina ein weiteres Konzert, und Anne-Sophie Mutter sollte es diesmal uraufführen.
Jahre später hoben es jetzt beim Lucerne-Festival Anne-Sophie Mutter und die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Simon Rattle in Anwesenheit der Komponistin aus der Taufe.
Mit suchender, fast flehentlicher Geste schraubt sich zu Beginn die Sologeige in die Höhe. Schliesslich fällt das Orchester mit flirrend silbrig glänzenden Klängen ein. Der Gestus des Suches bleibt während des gesamten Stücks erhalten. Sofia Gubaidulinas zweites Violinkonzert ist zweifellos ein Werk der Suche, der Suche nach Wahrheit und Schönheit. Verzweifelt schön klingt denn auch oft die Solovioline in ihren kantilenenhaften Sequenzen.
Natürlich ist das Werk auch inspiriert von der Geigerin, für die es geschrieben wurde: Anne Sophie Mutter. Wobei vor allem die Namensgleichheit von Komponistin und Solistin für Gubaidulina von Bedeutung war. Sophia ist die Göttin der Weisheit, die auch in der russischen Orthodoxie verehrt wird. Sie steht für das schöpferische Prinzip des Daseins, somit für die Kunst. „Beim Komponieren des Stücks hat mich diese Figur immer begleitet“, sagt Gubaidulina.
Der Titel des Werks „In tempus praesens“ soll die Hörer zudem für das Gegenwärtige sensibilisieren, schon lange ein besonderes Anliegen Gubaidulinas. Sie kritisiert die Gegenwartslosigkeit unserer Zeit, in der das Jetzt oft nur als Übergang vom Vergangenen zum Zukünftigen angesehen wird.
Gerade die Musik als absolute Gegenwartskunst erhält für die Komponistin philosophische Dimensionen. Musik ist Aufmerksamkeitskunst, sie fordert die Konzentration auf den Augenblick. Und so ist auch dieses Stück in der für Gubaidulina so bezeichnenden Verbindung aus Innerlichkeit und Expressivität in jedem Moment spannend und zieht die Aufmerksamkeit des Hörers jederzeit auf sich.
Anne-Sophie Mutter läßt den Solopart in warmen Farben leuchten, vermittelt aber auch immer wieder viel von der Zerbrechlichkeit und Gefährdetheit, die in dieser Musik ebenfalls mitschwingt. Vor allem ausgedrückt durch eine gewisse Bedrohlichkeit im Orchester. Differenziert aufgefächert spielt es unter der einfühlsam präzisen Leitung von Simon Rattle. Die hellen Streicher, erste und zweite Geigen, hat Gubaidulina aus dem Stück verbannt. Dadurch entsteht eine ganz besondere Klangfarbe, die den Kontrast zur oft strahlenden Geige verstärkt. Anne-Sophie Mutter spielt das mit nobler Geste, alles andere als vordergründig, vielmehr mit geradezu meditativem Gehalt.
Eingebunden war die Uraufführung in ein überaus spannendes und durchaus mutiges Programm. Zu Gubaidulina gesellte sich im ersten Teil noch Brahms „Tragische Ouvertüre“, die Rattle und die Berliner mit sattem Streicherklang dunkel leuchten liessen.
Während im zweiten Teil gewissermaßen das Satyrspiel folgte: mit Szenen aus György Ligetis Oper „Le Grand Macabre“ (mit der beeindruckenden Sopranistin Caroline Stein) und der „Symphonie in drei Sätzen“ von Igor Strawinsky, deren burleskem Klassikzismus die Musiker mit enormer Spiellaune begegneten. Tags darauf Mahlers Neunte Symphonie. Rattle und die Berliner verlegten sich darauf, die Disparatheit dieser letzten vollendeten Symphonie Mahlers heraus zu arbeiten, das Verstörende, Ungeglättete. Nicht um ein letztes Aufblühen eines späten Romantizismus ging es hier, sondern um eine – gerade in dieser Symphonie zweifellos angelegte – Art Objektivierung des Mahlerschen Subjektivismus – dem im Finalsatz ein Abgesang von berückender Klanglichkeit und Tiefendimension folgte. Am Ende begeisterter Jubel für ein in vielfacher Hinsicht herausragendes Gastspiel der Berliner Philharmoniker unter ihrem wunderbaren Chefdirigenten Simon Rattle beim Lucerne Festival.
Robert Jungwirth
Weitere Informationen zum Festival und zu Luzern unter:
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