Grisey vertanzt in Salzburg

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Interpretation durch Bewegung

Griseys „Vortex temporum“ als Tanz-Performance bei den Salzburger Festspielen

Von Robert Jungwirth

(Salzburg, 14. August 2017) Der Tanz spielte und spielt bei den Salzburger Festspielen eigentlich keine Rolle – von ganz wenigen Ausnahmen im Lauf der Jahre abgesehen. Das ist schade und er sollte für die Zukunft unbedingt in den Blick genommen werden. Denn im zeitgenössischen Tanz findet enorm viel Innovation statt, und als Musiktheater im weiteren Sinn bietet der Tanz mit seinen vielen performativen Möglichkeiten eine interessante Ergänzung oder Erweiterung zu Oper und Konzert. Hier könnte man auch neue kreative Formen der Darbietung erproben, wie das z.B. Peter Sellars mit einem inszenierten Bach/Messiaen-Konzert vor vielen Jahren mit der Sopranistin Dawn Upshaw getan hat – das war noch zur Zeit Gerard Mortiers. Seither ist in dieser Richtung kaum etwas in Salzburg passiert. Ausnahme ist einer von William Kentridge bildnerisch gestalteter Liederabend mit Schubert-Liedern (mit Matthias Goerne und Markus Hinterhäuser). In diese Richtung sollte der neue Festspielchef Hinterhäuser unbedingt weiter gehen und neue spannende Konzert- und Perfomance-Formate und Künstler-Begegnungen entwickeln und ermöglichen – wie Mortier das gemacht hat. Wo, wenn nicht bei solchen Festspielen, kann man so etwas anbieten?

Der Abend mit der Tanzperformance von Anne Teresa De Keersmaeker nach der Musik von „Vortex Temporum“ von Gerard Grisey nun im diesjährigen Festivalprogramm bot einen erfrischenden Akzent in dieser Richtung (im Rahmen des Zyklus‘ mit Werken des französischen Spektralisten Grisey). Auch wenn „Vortex Temporum“ („Zeitwirbel“) für Klavier und fünf Instrumente reichlich spröde beginnt und De Keersmaeker ebenfalls eine Weile braucht, bis die tänzerische Annäherung an die Musik Fahrt aufnimmt (was durchaus gewollt ist), bot der Abend doch sehr spannende Interaktionen zwischen der Musik und dem Tanz und zwischen den Musikern (das belgische Ictus-Ensemble unter Georges-Elie Octors spielte versiert und sogar auswendig) und den sieben Tänzerinnen und Tänzern. Manchmal agierten sie sogar wie bei einem pas de deux, etwa beim Tanz des Flügels in konzentrischen Kreisen.

Foto: SF/M. Borrelli

Überhaupt bildet der Kreis, das Kreisen das Grundmotiv der Bewegung, mit dem De Keersmaeker den Wellenbewegungen in Griseys Klang- und Zeiterforschungen zu entsprechen versucht. Vielleicht ist die Wahl des Stücks nicht die allerglücklichste gewesen, denn die Partitur ist äußerst abstrakt und erschließt sich nicht ohne weiteres. Das grelle Neonlicht war ebenfalls eher kontraproduktiv für die Rezeption. Aber die grundsätzliche Idee, zeitgenössische Musik auch mit den Mitteln des Tanzes zu interpretieren, hat definitiv etwas Bereicherndes und Inspirierendes – für Musiker, Tänzer und Publikum. (Das hat auch die Ruhrtriennale erkannt, die diese Tanzproduktion 2013 herausgebracht hat.) Und die Tänzerinnen und Tänzer der Rosas-Compagnie vermögen das nach wie vor mit beeindruckender Körperspannung zu veranschaulichen. Bitte mehr davon – und gern auch eigene Projekte!

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