Grimaud Nezet-Seguin

Energieschübe

Hélène Grimaud Foto: Mat Hennek

Hélène Grimaud spielt Bartoks drittes Klavierkonzert mit dem Rotterdams Philharmonisch Orkest unter Yannick Nézet-Seguin in der Kölner Philharmonie
 
Von Christoph Zimmermann

(Köln, 20. Oktober 2016) Unstrittig zählt das Concertgebouw Orkest Amsterdam zu den besten Klangkörpern nicht nur seines Landes, sondern auch der Welt. Aber dass auch das Rotterdams Philharmonisch Orkest in der ersten Liga mitspielt, lässt sich alleine anhand der bisherigen Chefdirigentennamen verifizieren.

Vermutlich nur noch historischen Klang hat der Name von Eduard Flipse, welcher bereits in den dreißiger Jahren mit den Rotterdamern zusammenarbeitete und nach dem Krieg zu den Bahnbrechern für die Musik Gustav Mahlers gehörte (sein letztes Konzert gab er 1969) Jean Fournet (auch beim Concertgebouw und Radio Philharmonisch Orkest tätig) und Edo de Waart (Rotterdam 1973-1979 – heute, mit 75, in Hongkong arbeitend) setzten die Erfolgslinie fort; 1995 folgte immerhin Valery Gergiev. Seit 2008/9 ist Yannick Nézet-Seguin philharmonischer Chef in Rotterdam, wird wegen seiner sich mehrenden Aufgaben u.a. an der Metropolitan Opera den Posten aber nach der nächsten Saison aufgeben. Sein designierter Nachfolger, der Israeli Lahav Shani, ist dann mit 29 Jahren der jüngste Dirigent, den das Orchester jemals berief. Eine Zeitungskritik nannte ihn mal einen „Heißsporn, der manchmal über das Ziel hinaus schließt.“

Ein Heißsporn ist Yannick Nézet-Seguin im Grunde auch. Das merkte man sogleich bei der Ouvertüre zu Joseph Haydns Oper „L’isola disabiata“, die mit ihrer klangschweren Einleitung und Tempesta-Furor zwar schon in die Romantik vorausblickt, aber insgesamt doch etwas mehr erklügelt als wirklich inspiriert wirkt. Yannick Nézet-Seguin betonte den Seria-Impetus der Musik, das Orchester legte sich eindrucksvoll ins Zeug.

Hélène Grimaud erfreute zunächst einmal durch ihre elegante, sympathische Erscheinung, die so gar nichts Auftrumpfendes besitzt. Am Flügel ließ sie den interpretatorischen Leidenschaften dann allerdings freien Lauf. Das dritte Klavierkonzert von Béla Bartók, welches sie mit London Symphony unter Pierre Boulez auf CD eingespielt hat, hält sich von vordergründigem Auftrumpfen freilich denkbar fern. Wie auch anders? Das Werk entstand während der letzten Lebensjahre des Komponisten, als der Leukämiekranke um sein baldiges Ende wohl wusste und in der Musik eine Art Lebensrückschau hielt. Heimweh im amerikanischen Exil und die Liebe zu seiner Frau Ditta (Pásztory) führten im die Feder mit zusätzlicher Emotionalität. Auch die Bezeichnung „Adagio religioso“ für den zweiten Satz schafft eine besondere Bedeutung, selbst wenn sie von Bartóks Schüler Tibor Serly stammt, welcher übrigens auch die letzten elf, lediglich skizzierten Takte des Konzertes vervollständigte. Bei durchaus vorhander Verve liegt über der Musik eine berührende Melancholie, sie zeigt überdies besondere Dur-Weichheit, dezent kontrastiert von Momenten des Burlesken, Skurrilen.

Hélène Grimaud beherrscht diese differenziert ausgelotete Atmosphäre bis in die Fingerspitzen. Subtiler Anschlag und klare, unverwischte Tonproduktion bewahrten vor möglichem dämmrigen Sfumato-Ausdruck, die Emotionen ihres Spiels wirkten stets lichtvoll und ungeachtet aller geforderten Energieschübe zart erfühlt. Das Rotterdams Philharmonisch Orkest assistierte ebenso leichtfüßig wie klangaromatisch.

Mit Gustav Mahlers erster Sinfonie („Titan“) wurde an die oben erwähnten Traditionen erinnert. Vor mehr als einem halben Jahrhundert, unter Eduard Flipse, war der spätere Mahler-Boom mitnichten absehbar, auch wenn Willem Mengelberg parallel beim Concertgebouw Orkest zukunftsweisende Arbeit leiste. Heute bildet das Oeuvre dieses Komponisten ein Zentrum des Repertoires. Die Verwurzelung von Mahlers Musik in der Tradition bleibt (bei unterschiedlicher Gewichtung) jederzeit erkennbar, aber der Aufbruch zu neuen Ausdrucks- und Klangwelten ist bereits in der „Titan“-Sinfonie zu erkennen. Yannick Nézet-Seguin wählte die heute übliche vier-Satz-Version, verzichtete also auf den „Blumine“-Teil, von Mahler selber verworfen, obwohl eigentlich ein schönes Stück lyrisch-schwelgerischer Musik.

Yannick Nézet-Seguin nahm sich der Musik mit körperhafter Intensität an, ließ kein Nebenmotiv, kein prägendes Farbkolorit unterbelichtet und brachte die spätromantische Leuchtkraft der Musik förmlich zum Glühen. Im Kopfsatz fehlte vielleicht noch ein Schuss Magie, und die Hörner wirkten (jedenfalls an diesem Kölner Abend) nicht ganz optimal. Im dritten Satz bezwang das einleitende Kontrabass-Solo mit samtiger Tönung. Beim „Lindenbaum“-Zitat hielt der Dirigent die führenden Streicher akustisch etwas zu sehr zurück, so dass das Fagott mit seinen Melodieumspielungen über Gebühr hervorstach. Aber der narkotischen Wirkung der Interpretation tat dies kaum Abbruch. Das Publikum stand förmlich Kopf.



Münchner Philharmoniker


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