Grigory Sokolov in Salzburg

Spitzbübischer Mozart

Grigory Sokolov begeistert einmal mehr sein Publikum bei den Salzburger Festspielen

Von Derek Weber

(Salzburg, 1. August 2017) Was könnte man denn anderes tun, als ihn in den Himmel loben? Grigory Sokolov, Dauergast bei den Salzburger Festpielen seit langem, eröffnet in diesem Sommer den Reigen der großen Pianisten. Der große Unterschied zu den vorhergehenden Jahren: Man darf ihn nach dem Konzert nicht, wie gewohnt, in seinem Künstlerzimmer besuchen. Da ist der Sicherheitsberater der Festspiele vor, wird einem bedeutet. Der ihn aufsucht, könnte ja ein abgefeimter Abgesandter aus Mossul sein, ein Heimsucher, kein Bewunderer seiner Kunst. Sei’s drum: Ob dieses Klima der Hyperangst der Kunst auf Dauer? Ein Mann wie Sokolov scheint davon unbeeindruckt, er hämmert seine Beethovenakkorde in den Flügel, wie er es immer getan hat und hat dabei immer noch Energien auch fürs Lyrische parat.

Einen „Drei-Jahrhunderte-Pianisten“ hat Igor Levit ihn einmal genannt. Und der, selbst Pianist, muss es schließlich wissen. Unverbraucht und frisch wirkt auch Sokolov selbst. Wie immer pirscht er sich – ohne nach links und rechts zu schauen – ans Piano, setzt sich, und gefühlte Zehntelsekunden später ist er schon mittendrin – am Dienstag in Mozarts „Sonata facile“ KV 545. So wunderleicht klingt sie bei ihm, als wäre das Leichte nicht das Schwierige. Aber man merkt doch, dass dahinter ein Problem liegen muss. (Die meisten machen ja einen Bogen herum, weil sie die Fußangeln des Einfachen zu Recht fürchten.) Sokolov spielt zumal den ersten Satz mit einer Mischung aus Respekt und Delikatesse und dem Unterton spitzbübischer Koketterie, der direkt ins Herz des Zuhörers zielt.

Von der „Sonate facile“ springt Sokolov quasi mit einem Satz weiter zur Fantasie KV 475 und von dort zur c-moll-Sonate KV 475, die Welten verdeckend, die dazwischen liegen, und die – was der Hörer erst später, nach der Pause, erfährt – eine Brücke zu Beethoven schlagen. So forsch kann Mozart erscheinen, der eben noch so leicht klang!

Und so gesanglich und leichtfüßig kommt Beethoven im zweiten Teil des Abends mit der Sonate Nr. 27 op. 90 wieder ins Spiel: „Durchaus mit Empfindung und Ausdruck“ soll der erste Satz nach einer forschen Attacke genommen werden, und „sehr singbar“ der zweite. Sokolov spielt diesen Schlusssatz – denn mehr als zwei hat die Sonate nicht – getragen, langsamer und mit weniger Temporückungen als mancher andere, hat überhaupt ein phänomenales Gespür für Tempi und Temporelationen. Er lässt die Musik fließen, ohne sich um Raffinessen zu scheren, die manche einbauen, um sich interessant zu machen.

„Interesssant“ ist im Zusammenhang mit Sokolov ein Unwort. Er zieht die Zuhörer auch so in seinen Bann; und er fügt auch bei Beethoven zusammen, was im Werkverzeichnis weit voneinander entfernt steht: Die e-moll-Sonate op. 90 aus dem Jahr 1814 geht „attacca“ in die letzte seiner Sonaten (jene in c-moll aus dem Jahr 1822) über, so, als wäre das die selbstverständlichste Kombination der Welt. Und das Boogy-Woogy-Thema des allerletzten Satzes des Konzerts muss er nicht überspitzen, um Effekt zu machen. Er entwickelt es ganz selbstverständlich als Beschleunigung aus dem Kontext heraus.
Zugaben? Kein Problem für Sokolov. Er hat deren viele in petto. In Salzburg reichte das am 1. August für 40 Minuten. Auch dafür liebt man ihn.

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