Giselle

Zierliche Bewegungen

Foto: W. Hösl

Das Bayerische Staatsballett eröffnet die erste Saison unter der Leitung von Igor Zelensky mit „Giselle“
Von Christian Gohlke
(München, 23. September 2016) Als Igor Zelensky, der designierte Chef des Bayerischen Staatsballetts, am Ende der letzten Spielzeit von Ivan Liska die Pläne für seine erste Saison in München bekanntgab, war der Tumult groß. Fast die Hälfte der alten Compaganie wurde entlassen (darunter auch vom Publikum gefeierte erste Solisten). Ungewöhnlich ist das beim Wechsel der Führungskräfte im Ballett zwar keineswegs. Doch in München scheint die Art und Weise des Übergangs besonders ruppig gewesen zu sein. Dieser, vorsichtig formuliert, wenig charmanten Umgangsweise ist es wohl auch zuzuschreiben, dass die Verbindung zu einer wichtigen Sponsorin des Balletts abgerissen ist. Kurzum: Igor Zelensky hat sich in den ersten Wochen nicht unbedingt Freunde gemacht.
Dass München unter seiner Leitung endlich Tanz auf dem Niveau einer Weltstadt zu sehen bekommen werde, wie er versprach, hinterließ zudem einen unguten Nachgeschmack, wischt eine solche Prognose doch die Leistung des Vorgängers Ivan Liska als ungenügend vom Tisch. „München“, schreibt Zelensky in einer Pressemitteilung, „ist kulturell und wirtschaftlich eine der erfolgreichsten Städte Europas. Mein Ziel ist es, diese Topqualität auch im Ballett zu bieten.“
Nun hat der dritte Ballettdirektor seit der Gründung des Bayerischen Staatsballetts vor 25 Jahren durch Konstanze Vernon die erste Spielzeit eröffnet und nun muss er in den rund 70 Vorstellungen, die von den 69 Tänzerinnen und Tänzern der Truppe in dieser Saison getanzt werden, beweisen, dass seine vollmundigen Ankündigungen keine leeren Versprechungen sind. Zwei große Premieren stehen auf dem Programm: „Spartacus“ von Yuri Grigorovich (Premiere: 22. Dezember 2016) und „Alice im Wunderland“ (Premiere: 3. April 2017) von Christopher Wheeldon. Ungefähr ist damit die künftige Ausrichtung des Staatsballetts bezeichnet: Eine Mischung aus Tradition und Moderne in einem breiten Repertoire, wie sie auch bisher typisch für diese Compagnie gewesen ist, wird unter Zelensky beibehalten.
Eröffnet wurde die neue Spielzeit mit einem Klassiker, der geradezu prädestiniert ist, um „Topqualität“ zu demonstrieren: „Giselle“. Die Choreographie von Peter Wright aus dem Jahr 1974 bietet reiche Gelegenheit, tänzerische Brillanz zu zeigen. Peter Wright, 1926 in London geboren, hat sich bei seiner Arbeit an Marius Petipa orientiert. Jetzt kam der alte Herr noch einmal nach München, um den Tänzern bei den Endproben den letzten Schliff zu geben. In einem Interview bescheinigte er der Münchner Truppe eine „tolle Technik“. Gleichwohl wäre er gerne noch länger geblieben, weil zu einer gelungenen Darstellung auch „Persönlichkeit und das Gefühl für das Getanzte“ gehöre.
Damit sind die Vorzüge und die Mängel der Vorstellung vom 23. September ziemlich genau benannt. Natürlich glückt nicht jede Figur makellos; auch an diesem Abend gab es Wackler und Patzer. Aber wie geschmeidig im ersten Akt der berühmte Pas de six getanzt wird oder wie präzise die Damen des Corps des ballet ihren Auftritt als weißgewandte Wilis auf der in schaurigen Nebel gehüllten Bühne meistern, ist schon von bemerkenswerter Akkuratesse. Erst recht brillieren die beiden Stars des Abends: Sergei Polunin als Albrecht und Natalia Osipova als Giselle. Aber ihre Darstellung wirkt bei aller Spitzentechnik emotional seltsam unbewegt. Wenn die beiden im ersten Akt aufeinandertreffen und sich verlieben, ist vom Neckischen und Spielerischen dieser Annährung kaum etwas ahnbar. Und später, wenn Giselle von den Wilis aus dem Totenreich zurückgerufen wird und sie Albrecht wiedertrifft, der gekommen ist, ihr Grab zu besuchen, dann fehlt es dem Pas de deux merklich Spannung. Dass es in dieser Szene um Leben und Tod geht, wird kaum sichtbar, so sehr Sergei Polunin auch mit seinen sauber ausgeführten Entrechats glänzt. „Hier sieht man“, heißt es einmal bei Wilhelm Busch, „zierliche Bewegung / Doch leider ohne Herzensregung.“ Ballett auf Weltniveau war diese „Giselle“ nicht. Aber das, woran es dieser Aufführung mangelte, Ausdruck und Leidenschaft, kann sich im Laufe der Saison, wenn die erste Anspannung nachgelassen hat, noch einstellen. Die Spielzeit hat gerade erst begonnen, und an Ehrgeiz und Arbeitswillen fehlt es Igor Zelensky bestimmt nicht.



Münchner Philharmoniker


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