giovanna

Oper mit Schauspiel

Foto: Gärtnerplatztheater/Maren Bornemann

Münchner Erstaufführung von Verdis "Giovanna d’Arco" im Gärtnerplatztheater
(München, 1. Oktober 2009) Was die Bayerische Staatsoper nicht leisten will – den wenig bekannten frühen Verdi jenseits von "Nabucco" und "Macbeth" endlich einmal auf einer Münchner Bühne zu präsentieren -, schultert das kleine Staatstheater am Gärtnerplatz nun schon zum zweiten Mal. Nach der erfolgreichen Münchner Erstaufführung vor anderthalb Jahren von Verdis frühen "Masnadieri" nach Schillers "Räubern" in der Regie von Thomas Wünsch, ausgestattet von Heiko Mönnich und mit Henrik Nánási am Pult, widmete sich das Team nun erneut einem frühen Verdi, seiner "Giovanna d’Arco" von 1845.
Doch das, was Schiller und Verdis Librettist Temistocle Solera aus dem Stoff gemacht haben, hat mit der Historie eher wenig zu tun. Eine Liebesgeschichte mit König Karl VII. (bei Schiller ein Lionel) wird der Retterin Frankreichs im Krieg mit den Engländern angedichtet und sie stirbt statt auf dem Scheiterhaufen in der Schlacht. Nicht die Inquisition, sondern der Vater wird zur entscheidenden Macht, an der Johanna schließlich zerbricht. Doch heute ist auch der historisch nicht umfassend gebildete Zuschauer bestens informiert über Jeanne d’Arc, die erst 1920 heiliggesprochene Johanna von Orléans (1339-1431): dank eines Schauspiels wie das von George Bernard Shaw und Filmen von Carl Theodor Dreyer (1928) Robert Bresson (1965), Jacques Rivette (1994) oder Luc Besson (1999).
So kam Wünsch auf die bestechend klingende Idee, Verdis siebte Oper durch Sprechszenen, die er unter anderem aus den Prozeßakten destillierte, anzureichern. Eine sprechende Johanna (Sieglinde Zörner) stellte der Regisseur der singenden an die Seite und ließ sie in Dialog treten mit einem Verführer (Mark Oliver Römisch). Dessen gestählte, mächtige nackte Brust legte sich am Ende des dritten Akts, wenn Johanna durch Schweigen schuldig scheint, denn auch wie ein Albdruck auf sie.
Doch da ist noch ein anderer junger attraktiver Mann (Sebastian Winkler), der ganz in Weiß gekleidet seine ebenfalls nackte Brust halb unterm langen Mantel verbirgt und im Programmheft als "Der Herr" geführt wird. Zwischen der Stimme des Himmels in sehr irdischen Gestalt, der sinnlichen Verführung und dem Inquisitor (Klaus Brückner) wird Johanna also hin- und her geworfen. Das greift die widerstrebenden Stimmen, die Verdi als (Fern-)Chöre packend komponiert hat, auf und könnte eminent spannend sein, doch leider fehlt den Dialogen oft das Timing und die szenische Prägnanz. Zu lang sind sie durchweg geraten und zuwenig als Kontrast zur Oper auf die Bühne gebracht. Was erhellend gedacht ist, gerät zunehmend verwirrend.
Dabei ist der Einheitsraum von Heiko Mönnich eine faszinierend düstere Gruft, in der christliches Leiden und Heilsversprechen durch das Kreuz omnipräsent ist: Immer wieder ausgeschnitten aus der Rückwand, drohend als riesiges Damoklesschwert von der Decke schwebend oder hereingetragen für die symbolische Kreuzigung der Jungfrau Johanna.
Aufregend wird es immer, wenn die Musik einsetzt. Denn unter Henrik Nánási klingt das Gärtnerplatz-Orchester sehnig gespannt, federnd und klanglich geschärft. Jede Phrasierung stimmt, die Holzbläser spielen beseelt, alles ist von großartig frischem italienischem Brio durchweht. Das passt für frühen Verdi genau und ist bestens geeignet, die Sänger mitzureißen.
Was bei Sandra Moon auch gelingt. Sie bewältigt die anspruchsvolle Partie der Johanna bewundernswert, schont sich nur selten zwischendurch, um dann aber nicht nur der lyrischen Emphase, sondern allen großen Ausbrüchen gewachsen zu sein. Leider hat sie mit Harrie van der Plas einen Tenor-König zur Seite, der fast durchweg die Tempi verschleppt, sich den ganzen Abend nicht frei singt und auch als Darsteller ungelenk bleibt, als hinterten ihn seine diversen Mäntel am Agieren. Anders Riccardo Lombardi als Giacomo, der vokale und szenische Präsenz in jedem Takt demonstriert. Zunehmend mächtiger, klangvoller, kompakter und präziser singend wächst der Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz in seine vielfältigen Aufgaben hinein und macht das grandiose Finale des dritten Akts zum Höhepunkt des ganzen Abends.
Klaus Kalchschmid

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