Giovanna d’Arco

Opernkritik: Giovanna d’Arco

Oper in Zeiten des Krieges

Foto: Brescia-Amisano / Teatro alla Scala

Terrorwarnung draußen, Befreiungskrieg drinnen – Giuseppe Verdis „Giovanna d’Arco" zur Saisoneröffnung der Mailänder Scala. Riccardo Chailly dirigierte, Anna Netrebko sang die Titelpartie
Von Derek Weber
(Mailand, 7. Dezember 2015) „Giovanna d´Arco" – nie gehört? Kein Wunder, das ist eine eher wenig bekannte frühe Verdi-Oper, 1845 – also nach „Nabucco" und „Ernani"-, an der Mailänder Scala uraufgeführt und danach dort nur mehr in zwei Aufführungsserien 1857 und 1865 gezeigt. Kaum auch anderswo. Die diesjährige Scala-Eröffnung war also ein 170- und ein 150-Jahr-Jubiläum, das allein schon die Wiederaufführung rechtfertigen könnte. 
Doch bevor davon berichtet wird, müssen wir von den Begleitumständen dieser Scala-Inaugurazione sprechen. Draußen vor der Tür scheinbar das gewohnte Bild: Viel (und den privilegierten Scala-Besuchern gewogene) freundliche Polizei, zugleich aber – wegen Terrorangst und Terrorwarnung – unsichtbare Heckenschützen in und auf allen umliegenden Häusern, im Eingangsbereich des Scala-Gebäudes Metalldetektoren. Was waren das doch für gemütliche Zeiten, als streikende und/oder von Fabrikschließungen betroffene Arbeiter oder gegen Pelzträgerinnen protestierende Tierschützerinnen vor der Scala demonstrierten.  
Nun aber steht das Ausland im Mittelpunkt, und das gleich mehrfach: IS-Terror, Terrorwarnung durch das FBI, das die Scala neben dem Petersdom als Ziel wähnt, und drinnen auf der Bühne englischer Terror und Krieg gegen Frankreich. Ein gülden angestrichener französischer König Karl VII (meist auf seinem Pferd), eine aus dem Schlaf erwachende Jungfrau von Orleans, die sich zum Kampf gegen die Invasoren aus England rüstet, jede Menge plastikbewehrter Teufelchen und Basilisken, die sie bedrängen, viele statische Chorszenen, eine einstürzende Kirche (Szenographie: Christian Fenouillat) und unter den Sängern, einer – der bigotte Vater von Jeanne d’Arc – in einem Kostüm der frühen Verdi-Zeit. Warum, das erschließt sich nicht so leicht. Ist halt so. Auch wenn sich das alles zusammen nicht ganz schlüssig deuten lässt, macht die Regie von Patrice Caurier und Moshe Leiser letzten Endes doch ihren plakativ umgedeuteten Sinn. Denn leicht beizukommen ist Giuseppe Verdis früher Oper über „Giovanna d’Arco" nicht.  
Dass dem Regie-Duo nicht mehr und nicht Phantasievolleres eingefallen ist, mag man als Verbeugung vor der italienischen Operntradition nehmen, die mit psychologischen Deutungen, die doch bei jemandem, der Visionen hat und mit Geistern kommuniziert, nahelägen, nicht allzu viel am Hut hat. Dass die beiden Regisseure es anders können, haben sie nicht zuletzt in Salzburg mit Glucks „Iphigénie en Tauride" bewiesen. 
Leicht macht es einem schon der junge Verdi bei seiner 1845 (nach „Nabucco" und „Ernani" und vor „Macbeth" entstandenen) Oper nicht. Bis man sich in das „Dramma lirico" eingehört und eingefühlt hat, sind zwei der vier Akte schon vergangen. Und obwohl der Librettist der Oper, Temistocle Solera, sich Friedrich Schillers „Die Jungfrau von Orléans" zum Vorbild nahm, ist genug an Kürzung und Veränderung übriggeblieben, um das Drama operngerecht her- und einzurichten. 
Da mag die konzertante Aufführung, wie sie im Sommer 2013 in Salzburg zu hören war, von Vorteil sein. Erstaunlich (oder auch nicht), dass damals schon zwei der drei Hauptrollen gleich wie heute besetzt waren: Anna Netrebko sang die Giovanna und Francesco Meli den französischen König. Beide darf man ohne Abstriche als Idealbesetzungen bezeichnen. Die Netrebko hat jene Spinto-Qualitäten, die es ihr erlauben, ihr lyrisches Potential auszuschöpfen, ohne auf dramatische Attacken verzichten zu müssen. In diesem Verdi-Fach ist sie mit Sicherheit heute die prima donna assoluta. Und Meli verkörpert jenen Tenortypus, der das positive Gegengewicht zu den Vielen darstellt, die mit Höhenmetall glänzen , ohne über ein genügend breites vokales Fundament zu verfügen. Bewundernswert, wie er sich in der von Verdi bevorzugten Mittellage zu bewegen vermag, ohne im Reich des Farblosen unterzugehen. 
In Salzburg sang Plácido Domingo die Baritonrolle des Vaters von Jenne d’Arc ., in Mailand war Carlos Alvarez dafür vorgesehen, musste aber im letzten Moment absagen und dem aus Florenz stammenden jungen Devid Cecconi den Vortritt lassen, der bei den letzten Proben die Partie mitsang, während er sich das Szenische aneignen konnte. Mit seiner kräftigen, zum Dunklen neigenden Stimme und seiner lackelhaften Erscheinung fiel es ihm nicht schwer, in die Vaterrolle zu schlüpfen. 
Der Scala-Chor füllte – auch szenisch gut geführt, d.h. nicht durch Firlefanz abgelenkt und auch nicht von der Regie alleingelassen – seinen Part bravourös. Musikalisch lag die Aufführung bei Riccardo Chailly, dem neuen direttore principale des Hauses, in besten Händen. Er kennt die Oper gut, hat sie 1989 in seiner Zeit in Bologna schon einmal dirigiert. Und so wie es aussieht, nimmt er die Aufgabe der Betreuung der Scala ernst. (Den Posten des Chefdirigenten des Leipziger Gewandhausorchesters, den er zurückgelegt hat hätten andere doch mit der linken Hand mitbetreut.) 
Ein schönes, gut gesetztes Jubiläum war diese inaugurazione, eine Wiedergutmachung: Lange hat‘ s gedauert. Immerhin wurde die Oper vor 170 Jahren an der Scala uraufgeführt, zum letzten Mal vor 150 Jahren. Auch anderswo hat man darum nicht zufällig einen großen Bogen gemacht. Denn leicht zu besetzen und schon gar nicht leicht zu inszenieren ist diese Oper nicht. 


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