Über Wagner wähnen in Wahnfried

Thielemann, Friedrich, Drüner Foto: KlassikInfo.de

Wagner als Apotheker

Der Dirigent Christian Thielemann und der Wagner-Biograph Ulrich Drüner wähnten in Wahnfried über Wagner

Von Robert Jungwirth

(Bayreuth, 29. Juni 2017) Aus dem erhofften Streitgespräch wurde zwar nichts, aber der Abend war dennoch unterhaltsam-informativ. Der Leiter des Bayreuther Richard-Wagner-Museums Sven Friedrich hatte den Wagner-Biographen und Musiker Ulrich Drüner und den Wagner-Dirigenten und Musikalischen Direktor der Bayreuther Festspiele Christian Thielemann zum Gespräch unter der Überschrift  „Der fremde Vertraute“ – Annäherungen an Richard Wagner“ in des Komponisten ehemaliges Wohnhaus, die Villa Wahnfried, eingeladen.

Nachdem gleich zu Beginn Drüner und Thielemann eine Seelenverwandtschaft über die gemeinsame Bratschenerfahrung feststellten, war klar, dass es zu keinen großen Kontroversen mehr an diesem Abend kommen würde. Das Lob der Bratsche einte die beiden Diskutanten fast bis zur Verbrüderung. Erhellend ist die Leidenschaft Thielemanns für das dunkle Streichinstrument allemal – erklärt sie doch gewisse Klangvorlieben. Auch der Biograph hat reichlich Orchestererfahrung, er spielte viele Jahre lang im Orchester der Stuttgarter Staatsoper, lernte Wagner also ebenfalls gründlich aus der Perspektive des ausübenden Musikers kennen. Einig waren sich Thielemann und Drüner denn auch bei der Ablehnung überagierender Dirigenten, die das „Wäscheaufhängen“ praktizieren, wie Thielemann es nennt – ein klassischer Anfängerfehler.

Villa Wahnfried Bayreuth Fotos: KlassikInfo.de

Friedrich lenkte, nachdem man sich über erste prägende Wagner-Erlebnisse ausgetauscht hatte, das Gespräch auf die problematischen Aspekte in der Biographie Wagners. Die sind für den Wissenschaftler meist bedeutsamer als für den praktizierenden Musiker. Und so bestätigte das Gespräch, was man davor schon vermutete: Für Thielemann spielt die (problematische) Biographie Wagners im Grunde keine Rolle fürs Interpretieren seiner Musik. Ja, er würde Wagner nicht mal kennenlernen wollen, wenn er die Gelegenheit dazu hätte. Er habe da einmal eine so schreckliche Erfahrung mit einem sehr verehrten Musiker gemacht, die ihn bis heute von solchen Begegnungen eher fernhalte. Drüner hingegen wurde durch Dokumente, die er als Antiquar entdeckt hatte, auf zahrlreiche Ungereimtheiten in der Autobiographie Wagners aufmerksam, woraufhin er beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen und eigene Nachforschungen anzustellen. Das Ergebnis ist 800 Seiten stark und im vergangenen Jahr im Blessing Verlag unter dem Titel „Richard Wagner – Die Inszenierung eines Lebens“ erschienen.

Thielemann geht in seiner Distanz zum „problematischen Wagner“ sogar noch weiter und gesteht, beim Dirigieren von Wagner „willenlos“ zu sein, wenn etwa beim „Tristan“-Vorspiel das „Narkotikum von der Decke tropft“. Willenlos bei vollster Konzentration, wie er ergänzte. Manchmal, so Thielemann, sei man fast froh um eine falsche Note, weil man es sonst gar nicht aushalte. Wagner sei ein Apotheker, der mit Drogen umzugehen verstand. Und ja , das Wagner-Gift sei eine Droge, die süchtig mache.

Drüner pflichtete Thielemann da durchaus bei, wobei er diese besondere Art des Komponierens auch bei Debussy und Ravel erkennt, was wiederum Thielemann bestätigte. Uneins war man sich dann zumindest in einem Punkt. Drüner plädierte dafür, auch die Frühwerke Wagners in Bayreuth aufzuführen, also drei ersten Opern. Diese seien musikalisch in jedem Fall lohnend. Den Wert der Werke stellte auch Thielemann nicht in Frage, er respektiere aber den Wunsch Wagners, sie in Bayreuth nicht zu spielen.

Und dann sagte der Dirigent leider noch etwas Ärgerliches: „Ich bin auch gegen die Umbenennung von Straßennamen“. Es hat ohnehin lang gedauert und dauert noch immer an, dass Bayreuth Straßennamen aus und mit Bezug zur NS-Zeit umbenennt. So gibt es z.B. noch immer eine Chamberlain-Straße, die nach einem der übelsten Antisemiten und sogenannten „Rassentheoretiker“ der Vor-NS-Zeit – nebenbei war er auch ein Schwiegersohn Richard Wagners – benannt ist. Sich öffentlich gegen eine Umbenennung solcher Straßen auszusprechen, zeugt von sehr wenig Geschichtsbewusstsein und Verantwortungsgefühl.

Werbung


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.