Gespräch zu Prometheus

Carl Orff: Ritualisierte Sprachoper

Carl Orffs „Prometheus“ bei der Ruhrtriennale 2012 Foto: Ruhrtriennale/Paul Leclaire

Im Münchner Orff-Zentrum trafen sich Mitglieder des Produktionsteams von Orffs „Prometheus“ bei der Ruhrtriennale 2012 zu einem Gespräch über das Werk.
Von Robert Jungwirth
(München, 18. Dezember 2012) Man habe sich damals getäuscht, sagte Franz Willnauer, der Ende der 60er Jahre zur Zeit der Uraufführung von Carl Orffs „Prometheus“ an der Stuttgarter Staatsoper als Dramaturg arbeitete. Die Modernität des „Prometheus“ – musikalisch und konzeptionell -, die damals alle sehr stark empfunden hätten, sei nicht stilbildend geworden, ohne nennenswerten Einfluss auf andere Komponisten geblieben. Heute ist Orffs 1968 uraufgeführtes Bühnenwerk nach Aischylos nur selten auf einem Opernspielplan anzutreffen und Kenntnisse über seine dramaturgischen und musikalischen Eigenheiten und Qualitäten wenig verbreitet. Selbst Peter Rundel, der Dirigent der hochgelobten Aufführung der letztjährigen Ruhrtriennale hat das Stück zuvor nicht gekannt. Noch weniger der aus Samoa stammende Regisseur dieser Produktion Lemi Ponifasio, der – nach eigener Aussage – nicht einmal wusste wer Carl Orff war. Doch genügte es Ponifasio, wie er erzählte, einige Takte aus dem „Prometheus“ zu hören, um zu wissen, dass er das Stück inszenieren wolle.
Der Zugang Ponifasios zu dem Werk war freilich ein sehr eigener, eher ein intuitiver, ja spiritueller als ein rational analysierender. In der Regel kreierte der Regisseur nur eigene Stücke, „inszeniert“ nicht fremde Stücke. Doch genau deshalb passten Ponifasios Ideen so gut zu Orffs ritualisierter „Griechenoper“, in der der Klang der altgriechischen Sprache, ihre Aura, alles bestimmt. Orff selbst sprach von der „gestischen Versinnlichung der Sprache“. Dem werden Handlung, Dramaturgie und Psychologie untergeordnet.
Es war schöne gute Idee, die außergewöhnliche und außergewöhnlich erfolgreiche Inszenierung des „Prometheus“ dieses Sommers noch einmal im Rahmen eines Podiumsgespräch im Münchner Orff-Zentrum zu beleuchten, sie auch den Erinnerungen von Orff-Zeitgenossen an die Uraufführung des Werks in Stuttgart und Orffs eigenen Aussagen bei den Proben dazu   gegenüberzustellen. So erzählte der Bariton Roland Hermann von seinen Erfahrungen mit Orff während der Einstudierung der Partie des Prometheus für die Münchner Erstaufführung 1975 an der Bayerischen Staatsoper unter Michael Gielen. Während die Stuttgarter Produktion in der Regie von Rudolf Sellner eigentümlicherweise mit afrikanischen Masken arbeitete und damit eine etwas seltsame Konkretion vorgab, bot die Inszenierung in Duisburgs „Kraftzentrale“ ein zeitloses, spektakuläres, archaisches und modernes musikalisches Theater gleichermaßen. Ponifasio nutzte die enorme Tiefe der Bühne in der ehemaligen Fabrikhalle für vielfältige Raumwirkungen der Sänger, Choristen und Tänzer.
Kunstvolle Beleuchtungseffekte und die Einbeziehung der Elemente Wasser und natürlich Feuer gaben dem ritualisierten Geschehen einen unerhörten poetischen Zauber. Ebenso entfaltete sich der Klang des Orchesters und der Sänger durch differenzierte Verstärkung der Musik im ganzen Raum – eine optisch-musikalische Raumkunst also, die tatsächlich eine ganz eigene Theatralität veranschaulichte, wie der Dramaturg der Produktion Stephan Buchberger noch einmal resümierte und damit die Modernität Orffs in diesem Stück lobte.
Einen Eindruck von der Stimmmächtigkeit der beiden Duisburger Protagonisten Sänger Brigitte Pinter (Io) und Wolfgang Newerla (Prometheus) vermittelten  diese mit Kostproben in einer reduzierten Besetzung mit Klavier (Leonhard Garms) und drei Schlagzeugern (Yu Fujiwara, Elina Goto, Thomas Hastreiter). Bedauerlicherweise ist diese von der Presse hochgelobte Produktion, die mit dem Carl-Orff-Preis der Orff-Stiftung ausgezeichnet wurde, von keinem Fernsehteam aufgezeichnet worden. Damit ist eine große Chance vertan worden, dieses Werk populärer zu machen.

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