Gespräch Winterreise

Winterreise und soziale Kälte

Foto: Gärtnerplatztheater

Eigentlich müsste es dem Tanzchef des Münchner Gärtnerplatztheaters Hans Henning Paar gelingen, auch ein paar Lied-Liebhaber ins Münchner Gärtnerplatztheater zu locken: Für seine erste große Premiere dieser Saison am Samstag (16. Januar, 19 Uhr) hat er die 24 Lieder der "Winterreise" vertanzt. Paar choreographierte nicht zum Original-Schubert-Zyklus für Männerstimme und Klavier (nach Gedichten von Wilhelm Müller), sondern zu der "Interpretation für Tenor und kleines Orchester" (1993) von Hans Zender.
Schon Hamburgs Ballettintendant John Neumeier verwendete die Zender-Partitur 2001 für seine "Winterreise". Paars Version dieser Reise eines von der Liebe und dem Leben enttäuschten Wanderers werden 24 Musiker des Staatstheaters unter Andreas Kowalewitz
und – erstmals – zwei Tenöre begleiten. Malve Gradinger hat Hans Zender und Hans Henning Paar zum Gespräch getroffen.

Gradinger: Herr Zender, wie kam es zu Ihrer Neubearbeitung der "Winterreise"?

Zender: Ich liebe Schubert seit meinen frühesten Musikerjahren auf Tiefste.Ich habe sehr viel Schubert dirigiert, übrigens die Gesamtaufnahme aller Sinfonien gemacht. Auf Konzertreisen, wo man in den Mittagspausen so herumsitzt, fing ich dann an, einige Stücke zu instrumentieren. Und weil die Ansätze jeweils so verschiedenartig waren,
kam die Idee, die vielen Interpretationsmöglichkeiten in dem gesamten Zyklus in eine Reihe zu bringen. Manche Lieder sind ganz nah am Text, manche haben Ausblühungen, haben Zwischentakte, sogar verfremdende Episoden, entwickeln sich in eine ganz andere Richtung als bei Schubert. Also es geht von der Interpretation über zur Rekomposition.

Paar: Besonders spannend finde ich Hans Zenders Art, die Naturdarstellung der Romantik nochmals, aber dann doch ganz anders aufzugreifen. Man hört bei ihm das Brechen des Eises, das Schlurfen im Schnee – ich habe da sofort Bilder gesehen.

Gradinger: Und diese konkret umgesetzt?

Paar: Jein. Ich entwerfe nicht so sehr Naturbilder, sondern entspreche choreographisch dem, was im Inneren des Wanderers abläuft. Also im "Lindenbaum" keine Bäume. Keine Blumen im "Frühligstraum", der ja letztendlich eine Erinnerung an schöne Zeiten mit der Geliebten ist. Das Bühnenbild ist ein Innenraum, der aber auch einen Außenraum erlaubt. Ich versuche eher, über die Kostüme und über das Licht eben diese Assoziationen zu malen. Das "Blumige" in den Texten, in der Musik wird in der Bewegung selbst übersetzt.

Gradinger: Sie hatten sich zu Beginn eine weibliche und eine männliche
Gesangsstimme vorgestellt…

Paar: Das ließ sich aus tonalen Gründen nicht verwirklichen. Herr Zender stimmte dann meinen Vorschlag zu, es mit zwei Tenören zu machen. Einem jungen und einem reiferen Tenor, der den erfahrenen Part übernimmt.

Gradinger: Herr Zender, spielte bei Ihrer Interpretation in irgendeiner inspirierenden Form die Persönlichkeit Schuberts eine Rolle. Schubert, der geniale Komponist, der aber zu Lebzeiten nicht berühmt, auch glücklos in der Liebe war und ärmlich leben musste.

Zender: Wenn man noch tiefer an die Individualität eines großen Komponisten sich heranwagt, dann kommt man unweigerlich an den Punkt, wo man als schöpferischer Mensch antworten will – was man ja eigentlich nicht kann. Denn das Werk ist in seiner Vollkommenheit nicht zu überbieten. Trotzdem: Schubert starb 1828. Seitdem hat sich die
Menschheit geändert, auch die Mentalität des Musikhörens. Und diese Distanz zu gestalten wird dann zur Aufgabe einer solchen Annäherung.

Gradinger: Und wie geschieht das?

Zender: Der Anfang vom "Gute-Nacht"-Lied "Fremd bin ich eingezogen" ist eine Geräuschkomposition, als ob das heute geschrieben wäre. Dann schält sich aus diesem Anfang das erste Motiv von Schubert heraus, ist instrumentiert wie ein Schubert-Streichquartett. Zehn Takte später klingt es ein bisschen wie Brahms, noch weiter spätromantisch. Plötzlich schlägt es um, und man ist Anfang 20. Jahrhundert und schließlich mit disco-ähnlichen Klängen in der Jetztzeit. Die ganze "Winterreise"
verwandelt sich in eine Zeitreise, die die uns heute von Schubert trennende Distanz gestaltet.

Gradinger: Und uns andererseits vielleicht mit ihm verbindet?

Zender: Es gibt heute viele junge Leute, die in ihrem Leben noch nie Schubert gehört haben. Aber ich kriege schon Reaktionen wie: "Ja, in Ihrer Version habe ich zum ersten Mal eine Brücke zur klassischen Musik bekommen." Und ich freue mich natürlich, dass unsere große Tradition, wenn auch in veränderter Form, doch an die Jungen weitergeht.

Gradinger: Herr Paar, die Grundstimmung der "Winterreise" ist eine tiefe Traurigkeit, eine geradezu depressive Melancholie — das richtige Stück in diesen nicht gerade rosigen Zeiten?

Paar: Es ist Winter… Und es gibt durchaus Anklänge an soziale Kälte. Der Wanderer ist auch ein Ausgestoßener der Gesellschaft. Die Gesellschaftskluft bei uns, die Schere öffnet sich weiter. Das ist politisch gesehen eine ähnliche Situation wie in der damaligen Zeit.
Deswegen ist es für mich ein absolut aktuelles Stück.

Das Gespräch führte Malve Gradinger

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