Gespräch Aimard/Stefanovich

Der Mount Everest

Pierre-Laurent Aimard und Tamara Stefanovich Foto: Salzburger Festspiele

Pierre-Laurent Aimard und Tamara Stefanovich spielen in Salzburg das gesamte Klavierwerk von Pierre Boulez. In einem Gespräch auf der Salzburger Festspielterrasse geben Sie Auskunft über ihre Beziehung zur Musik des in diesem Jahr 90 gewordenen großen französischen Komponisten
(Salzburg, 9. August 2015) „Oft schaut man die Stücke wie Monumente an, dabei zeigen sie die Neugier des Mannes, wie er immer wieder für seine neuen Ideen gekämpft hat“, sagt der Pianist Pierre-Laurent Aimard, der im Rahmen der Würdigungen für Pierre Boulez‘ 90. Geburtstag in diesem Jahr bei den Salzburger Festspielen dessen gesamtes Klavierwerk zusammen mit der Pianistin Tamara Stefanovich aufführt. Mit 15 Jahren habe er bereits Musik von Boulez gespielt, erzählt der Pianist, der sich zunächst als Mitglied des von Boulez gegründeten Ensembles intercontemporain einen Namen gemacht hat, bevor er seine Karriere als Solist startete. „Damals dachte ich, dass ich irgendwann müde werde von dieser Musi, aber das ist nie passiert!“ Noch immer finde er neue Kraft des Schöpfens in den Werken und die Freiheit der Musik inspiriere ihn zu neuen Interpretationen, zu einem neuen Klang auf dem Klavier. „Jemand, der sich die Noten zum ersten Mal anschaut, wird sie sicher fremd finden.“ Warum ist das so kompliziert, könne man denken. Doch die Musik höre sich an, wie die natürlichste der Welt, so Aimard. „Das kommt daher, dass Boulez die Musik so konstruiert wie er fühlt.“
Das Stück „Structures pour deux pianos: Livre II“ (1956–1961) etwa sei in den Tempi sehr interessant. Fast wie in einem Videospiel fühle man sich am Anfang, sagt Pianistin Tamara Stefanovich. Sie wolle den sinnlichen Charakter von Boulez erfahrbar machen. Daher habe sie auch ein Projekt mit Jugendlichen gemacht. Zusammen mit fünf Teenagern im Alter von 12 bis 15 Jahren habe sie sich an die zeitgenössische Musik herangetastet. „Ich wollte weitergeben, was ich selbst in dieser Musik entdeckt habe“, sagt Tamara Stefanovich. Leider sei sie nicht ausgebildet worden in Neuer Musik. Durch Zufall sei sie später darauf gekommen. „Ich finde für die Neue Musik gibt es viele offene Türen, man braucht nur den Schlüssel dafür“, sagt die Pianistin. Aus den „12 Notations“ durfte sich der Nachwuchs jeweils ein Stück heraussuchen. „Es war sehr interessant, dass sie eher die frechen, die schwierigeren Stücke zur Analyse ausgewählt haben. Gemeinsam haben wir die Neue Musik entdeckt. Sie verdient das Image nicht, schwer zugänglich zu sein.“
Extreme kompositorische Virtuosität stecke nicht drin, aber ein gewisses Risiko, sagt Tamara Stefanovich. Die 2. Sonate etwa sei perfekt formuliert. „Die Ideen sind sehr klar. Über dieser Struktur gelingt es dennoch, das Publikum mitzunehmen“, sagt sie. „Das Stück entwickelt sich weiter zu einem Mysterium, in akustische und pianistische Unmöglichkeiten“, wie sie es formuliert. Das Ohr sei gereizt bis zur Grenze.
Pierre-Laurent Aimard habe Boulez bereits kennengelernt, als dieser 51 Jahre alt war. „Damals war er schon der Mount Everest“, sagt der Pianist. Er sei ein Mensch voller Humanität mit einem enormen Einsatz für die Musik und er sei immer der Sache verpflichtet. Sowohl menschlich als auch moralisch sei er ein Modell.
Natürlich spiele er heute die Werke von Boulez anders als noch vor 20 Jahren, sagt Aimard. Das sei ganz natürlich, schließlich habe er sich weiterentwickelt, außerdem entdecke er in der Musik immer wieder neue Schichten und versteckte Ebenen. Für viele sei die Musik von Boulez 1992 provokant gewesen, heute habe man den Eindruck, sie werde natürlicher vom Publikum aufgefasst. Ist Boulez also heute ein Klassiker? „Vielleicht“, sagt Pierre-Laurent Aimard, „aber ein Klassiker, der schön stört!“  Die Musik von Boulez verlange mehr Anstrengung, habe mehr Anspruch, aber eben auch mehr Gehalt, sagt der Pianist. Deshalb sei sie auch für jeden Zuhörer geeignet, der die zeitgenössische Musik vielleicht als etwas Unzugängliches empfinde.

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